Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Jüdisches Theater in Deutschland
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 116 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Theater in Deutschkind bühne haben; sie werden dieses Theater formen mit jenem Impuls, jenem geistigen Elan, jener gestaltenden Phantasie, die schon immer für den produktiven jüdischen Theatermenschen charakteristisch waren, und welchen auch die Habima ihre Geburt verdankt. Von vier Stücken sind teils die Szenarien, teils schon ganze Szenen und Akte fertig: Ein Herzl-Drama; eine historische Trilogie, in deren Mittelpunkt der politische Führer Moses steht; das heutige Assimilationsdrama um die Figur Heines; eine Strindberg-Dramatisierung. Ein spezifisch-jüdisches Kabarett ist ebenfalls im Entstehen; Teile davon sind bereits in Paris und Prag ausprobiert worden. Auch hierbei handelt es sich, in origineller Gestaltung, ausschließlich um Pro-Jüdisches (nicht um politische Auseinandersetzungen etwa mit Außer-Jüdischem). Nach dem Beispiel der besten jüdischen Dramaturgen wird in dem aufzubauenden Repertoire das Tragische sich mit dem Komischen paaren; zunächst wird die deutsche Bearbeitung einer Komödie von Goldfaden (aus dem Jiddischen) versucht werden: eine Aktualisierung, die bereits von den Habima-Dramaturgen in Aussicht genommen war, sich dann aber für die hebräische Bühne als ungeeignet erwies. Selbstverständlich kann mit diesen Details nur ungefähr gezeigt werden, welcher Elemente und welcher Methoden sich dieses neu zu etablierende Theater bedienen wird. Es wurde auch bereits angedeutet, daß die Organisation dieses Theaters, daß sein technischer Betrieb im wesentlichen sich von dem alten Gesellschaftstheater unterscheiden wird. Das alte Stehende Theater, das auch der Kulturbund imitierte, hat nur Gültigkeit, wenn die regionalen Gliederungen einer kulturellbedingten Gesamtheit jeweils einen zahlenmäßig und soziologisch tragbaren Boden darstellen und wenn, vor allem, eine ausreichende Anzahl artistischer Kräfte zur Verfügung steht. Das heutige Judentum in Deutschland kann man in jeder Hinsicht nur als eine Einheit werten, die außerdem — durch Zu-und Abwanderung in einzelnen Regionen — auf absehbare Zeit in Bewegung sein wird. Es kommt also darauf an, für diese Einheit das Theater zu organisieren, sozusagen für das jüdische Gesamtpublikum in Deutschland. Obendrein fehlen dem Stehenden Theater, das gleichzeitig in verschiedenen Städten spielt, bis auf weiteres alle produktionstechnischen und artistischen Voraussetzungen. Diese sind heute noch nicht mal für ein einziges Theater vorhanden! Aber auch aus administrativen und nicht zuletzt aus finanziellen Erwägungen ergibt sich ganz klar, daß fürs erste nur ein Tourneesystem in Frage kommen kann, wenn das Theater rationell arbeiten und nicht von technischen, artistischen und finanziellen Kalamitäten dauernd in Frage gestellt werden soll. Aber hierüber kann im Rahmen einer solchen Betrachtung nur in Stichworten gesprochen werden. 116