Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Organisation der Diaspora
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 108 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybaum Gepäck, das wir zusammen mit unserer ganzen Geschichte auf unsere Wanderung mitnehmen. Das Problem, wie wir jüdische Gemeinschaft im Massenzeitalter schaffen, ist ein Erziehungsproblem. Der weltgeschichtliche Zeiger weist über die Partei hinaus. Die jüdische Parteibildung hatte ihre prophetische Epoche. Aber das moderne Judentum tritt aus seiner prophetischen Epoche in seine pharisäische. Das ist nur eine Änderung der Methode. Nicht die einmalige geistige Entscheidung, die gewiß weiter wichtig bleibt, sondern die ständige geistige Formung ist das neu Geforderte. Die geistigen Entscheidungen sind gefallen. Wir leben in einer späten Zeit. Das harte Gegeneinander der Parteien und der Generationen ist vorüber: es ist der letzte Prophet, der verkündet: Er wendet das Herz der Väter zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern (Maleachi 3, 24). Wir treten von einem jüdischen Zeitabschnitt, in der die Partei im Zentrum stand, in einen solchen, in dem das jüdische Lehrhaus im Mittelpunkt stehen wird. In einer Zeit, in der durch die jüdische Wanderung die Organisation der Diaspora die uns gestellte jüdische Aufgabe wird, ist nicht mehr jüdisches Parteileben, sondern das Leben im jüdischen Lehrhaus das Wichtige. Das jüdische Parteileben bietet heute die leicht nachsprechbaren Formeln, um die sich die jüdische Masse gruppiert. Gemeinde, nicht Masse, muß die Gemeinschaft sein, die jüdische Gemeinschaft in Wahrheit heißen darf. Jüdisches Parteileben führt unweigerlich zu jüdischer Massenbildung. Masse ist ein Qualitätsbegriff, nicht ein Quantitätsbegriff. Das jüdische Lehrhaus ist es, durch das wir Gemeinde werden können. Die Organisation der Diaspora, diese große Aufgabe der Stunde, muß ohne antizionistisches Ressentiment, aber auch ohne die zionistische Bagatellisierung gegenüber der nichtpalästinensischen Auswanderung in Angriff genommen werden. Die nichtpalästinensische Auswanderung jüdisch zu betreuen, dafür zu sorgen, daß diese in die Welt hinausziehenden Juden — Juden bleiben, ist die Aufgabe, die unsere jüdische Gegenwart mit der der Pharisäer „gleichzeitig" macht. Die Pharisäer haben es vermocht, die jüdische Gemeinschaft im hellenistischen Massenzeitalter jüdisch zu erhalten und die Diaspora der damaligen Welt über die großen Räume hinweg zu einer jüdischen Einheit zusammenzufassen. Das Lehrhaus von heute muß dem jüdischen Menschen die Halacha, den jüdischen Wandel, durch den man Jude ist, mitteilen. Wo die jüdische Partei oft nur die großen Entscheidungspunkte des jüdischen Wandels zeigte, muß die ganze nach den verschiedenen Seiten des Lebens sich ausbreitende Situation gezeigt werden. An die Stelle der Propaganda hat die Erziehung zu treten. Damit gibt die jüdische Partei ihre 108