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Der Morgen · 1936-06-01 · Heft 3 (Juni 1936) · p. 109

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 3 (Juni 1936)
Article
Organisation der Diaspora
Date
1936-06-01
Page
109 (sequence 9)
Language
German
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Organisation der Diaspora Rolle an das jüdische Lehrhaus ab. Aber indem die Welt der jüdischen Partei Gegenstand des Lernens wird, geht von dem nichts verloren, was jüdisch echt an ihr war. Wir brauchen zur Organisation der Diaspora die echt jüdischen Elemente des jüdischen Nationalismus ebenso wie die echt jüdischen Elemente des religiös-liberalen Judentums. Ihre Synthese, die nicht möglich war, solange der Gegensatz ein solcher von Parteien war, wird möglich sein, wo dieser Gegensatz ein Lehrhausproblem ist. Damit aber in den neu entstehenden Punkten der Diaspora Lehrhaus, Gemeinde und Gottesdienst aufgebaut, jüdisch aufgebaut werden, ist das pharisäische „Stellet viele Schüler auf" in keiner Zeit so wichtig gewesen wie heute. Daß jüdische Lehrhausarbeit in dieser Notzeit eine Forderung wird, zeigt schon, daß das jüdische „Lernen" als intellektuelle Tätigkeit religiöses Tun ist. Indem sich das Lernen auch mit der Geschichte des Judentums von Mendelssohn bis heute beschäftigt, verschafft es uns die richtige Stellung zur Vergangenheit. Wir wollen nicht verdrängen, was da ist, ob wir wollen oder nicht, und wir wollen nicht weiterschleppen, was tot ist. Wir wollen leben. Und leben heißt auch Abschied nehmen können und neu anfangen können. Aber wir wollen jüdisch leben. Wir haben einen solchen Zusammenbruch erlitten, daß auch der, vor allem der, der aus diesem Zusammenbruch etwas herausgerettet hat, mit dem er in Palästina oder anderswo neu anfangen kann, sagen muß: daß mich das Schicksal überhaupt noch bestehen ließ, ist noch nicht der Trost, aus dem heraus ich weiter leben kann. Vergessen, das mag eine Arznei für Schwächlinge sein. Fluchen, das kann für Juden keine Regel sein. So müssen wir stark bleiben und jüdisch bleiben. Wir dürfen unser Leid nicht in Haß abreagieren. Die Frage: Wer ist daran schuld? kommt für uns nicht in Frage. So bleibt nur die Frage: Was kann Gott von uns wollen, wenn er uns so aus der Ruhe herausgerissen hat? Erst dann, wenn wir so fragen, werden wir in Wahrheit zur Ruhe kommen. Der Leidende ist berufen. Der Leidende, der sein Leid nicht verleugnet, der sich nicht mit einem oberflächlichen Trost weglügt, ist berufen. „Wird in die Posaune gestoßen in der Stadt, und das Volk sollte nicht erschrecken; geschieht ein Unglück in der Stadt, und Gott hat es nicht getan?" (Arnos 3, 6.) Wenn wir als Juden fragen: was will Gott von uns, daß er uns aus der Ruhe geschreckt hat, so gibt es nur die Antwort: Gott will — uns. Niemand soll nur „davonkommen", niemand soll nur „darüber hinwegkommen". Je tiefer die Seele ist, desto tiefer ist sie verletzt. Gesund werden wird der, der ein neuer Mensch wird. Dieses Neu-Werden kann die Zeit an uns vollbringen. Die Erneuerung des Judentums ist in einer Notzeit kein Paradox. 109

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