Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Organisation der Diaspora
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 107 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Organisation der Diaspora unter sich zusammenzuhalten. Eine gesamt jüdische Aufgabe liegt vor. Bis jetzt war der Zionismus die einzige jüdische Bewegung, die die Auswanderung durch Planung und geistige Führung zu durchdringen versuchte. Dieses zionistische Beispiel muß aber in dem Augenblick, wo eine Wanderung vorhanden ist und von Tag zu Tag dringlicher wird, die nicht nach Palästina führt, ergänzt werden. Die Wanderung, die nicht Palästina als Ziel hat, die sich aber das Ziel der Gründung neuer jüdischer Gemeinden setzt, wird durch diesen Glaubensinhalt als geistige Bewegung sichtbar werden. Diese neuen Gemeinden werden jene Geschichte bewahren und fortsetzen, die im Judentum Deutschlands gelebt wurde. Die Ernte dieser Geschichte soll gerettet werden. Dadurch kann sich auch der geistige Inhalt für die jetzt entstehende Wanderung bilden. Wir gehen unseren neuen Weg nicht als Zionisten oder als religiös-liberale Juden. Die gemeinsame Wanderung beendigt den bisherigen Parteistreit. Wo die neue Synthese gesucht wird, ist die Stellungnahme in der alten Form nicht mehr möglich. Die jüdischen Parteien sind heute im Judentum Deutschlands soziale Gruppen geworden, die den Zusammenhang mit der geistigen Geschichte, die einst diese Parteigruppierung forderte, immer mehr lösen. Aber der Anspruch, mit dem die jüdischen Parteien heute auftreten, ist auf seine moralische Berechtigung hin zu prüfen. Wenn das Resultat der Prüfung die gesamte Parteigruppierung des Judentums in ihrer ganzen Gebrochenheit zeigt, wie die Parteien als Geistträger aufzutreten guten Willens sind und doch als Massen und Interessentengruppen hinter diesem Willen zurückbleiben müssen, so gibt es den Trost: wir werden gezwungen, uns zu fragen, wann es in der sozialen Ebene auch im Massenzeitalter gelingen kann, Geistträger zu sein. Damit kommen wir von der jüdischen Partei zur jüdischen Gemeinde. Damit kommt auch zum Vorschein, was das Judentum in Deutschland in Wahrheit geistig getragen hat. Es kommt zum Vorschein, daß sein wertvollster Besitz die Gemeinde war. Mit diesem Programm, das die jüdische Gemeinde als solche darstellt, treten wir die Wanderung an, die vor uns liegt. Wir wandern nicht als Liberale, als Orthodoxe, als Zionisten. Die jüdische Wanderung ist Wanderung von der Gemeinde, die verlassen werden muß, zur Gemeinde, die gegründet wird. Der Exodus der Partei ist ein politischer Vorgang, der in der jüdischen Geschichte nicht vorkommt. Nicht der Zionismus, nicht das religiösliberale Judentum und nicht die Orthodoxie, sondern die Geschichte des Judentums seit Mendelssohn bis heute, in der das Ineinander und Gegeneinander dieser drei jüdischen Gruppen eine echt jüdische Geistesgeschichte darstellt, ist das geistige 107