Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-06-01 · Heft 3 (Juni 1936) · p. 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 3 (Juni 1936)
Article
Organisation der Diaspora
Date
1936-06-01
Page
104 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895556-2906108--08882-2906150
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Ignaz Maybaum nicht „protestantisch" gemacht, indem sie — wie in einer bestimmten Zeit das religiös-liberale Judentum — aus dem Prophetismus ein jüdisches Bekenntnis machten. Sie haben es auch nicht „römisch-katholisch" gemacht, indem sie, wie die westliche Orthodoxie durch Verfestigung des Brauchtums, eine jüdische Kirche bildeten. Sie mußten es jüdisch machen, nämlich so, daß das Prinzip des Allgemeinpriestertums gewahrt wurde, daß die geschlossene Gemeinschaft des Volkes, nicht bloß eine geistige Oberschicht von Theologen oder Klerikern, den prophetischen Forderungen und Hoffnungen gemäß lebte. Jeder Einzelne wurde lebendiger Repräsentant der die heilige Geschichte entfaltenden Vergangenheit. Die über die Räume der Diaspora zerteilten Glieder Israels behielten dadurch ihre gemeinsame Zukunft, indem sie aus der gleichen Vergangenheit lebten. Diese Vergangenheit war „die biblische Geschichte". Aber es zeigte sich, daß auch die zur biblischen Geschichte hinzukommende spätere Geschichte mit jüdischer Legitimität umgeben wurde: die Lehrhäuser Babylons hallten wider von all dem, was in Palästina in seiner hellenistischen Zeit lebendig war. Die Vergangenheit wurde „gelernt". Dadurch wurde diese Vergangenheit, deren starke hellenistische Wurzeln heute für uns offenbar liegen, in ihrer jüdischen Bedeutung lebendig. Und dieses die Vergangenheit zum Gegenstand machende Lernen entschied auch, wer in der Vergangenheit jüdisch im Recht war. Der Streit zwischen Hillel und Schammai oder der zwischen Pharisäern und Sadduzäern konnte als jüdischer Streit, zur Zeit, da er lebendig war, nicht entschieden werden. Die jüdische Geschichte kennt nicht die Revolution, kennt nicht die politische Entscheidung im Streit der Parteien. Erst nachdem der Schauplatz des Streites selbst nur noch ein historischer war, trat in Erscheinung, wer recht hatte. Hillels „liberaler" Gesetzesbegriff, nicht der am römischjuristischen sich orientierende Schammais setzte sich durch, nicht die Sadduzäer, die Pharisäer mit der Synagoge und ihrem für die neuen Gedanken der Zeit offenen Schriftprinzip wurden als Neuschöpfer des Judentums sichtbar. Die jüdische Aufgabe, die in dieser Stunde der Weltgeschichte dem Judentum Deutschlands gestellt ist, kann nun deutlicher umrissen werden. Die ganze zurückliegende Geschichte von Moses Mendelssohn bis heute muß auf ihre jüdische Bedeutung durchgeprüft werden. Nichts darf verloren gehen. Indem die jüdische Vergangenheit Gegenstand des Lernens wird, lebt sie weiter. Dieses Weiterleben ist mehr als ein organisches Weiterleben. Indem die jüdische Geschichte in der geistigen Sphäre auflebt, wird ihr jüdischer Ertrag erst weithin sichtbar und wirksam. Im Kampf und Lärm der geschichtlichen Arena war manchmal nur wenigen sichtbar, wie die Entscheidung fiel. Auch geistige Ent- 104

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.