Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Organisation der Diaspora
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 105 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Organisation der Diaspora Scheidungen, die keine Schreibtischurteile sind, sondern echte Entscheidungen der Geschichte, haben ihre von Punkt zu Punkt sich vorwärtskämpfende Vorgeschichte. Wenn die Geschichte des Judentums in Deutschland „gelernt" wird, wird sich erst zeigen, was mitten im Kampf noch nicht gesehen werden konnte. Es wird sichtbar werden, ob der Kampf zwischen Orthodoxie und jüdischreligiösem Liberalismus ein Kampf zwischen Schammai und Hillel war, und — ob dieser Vergleich ohne weiteres gestattet ist. Der Kampf zwischen Zionismus und jüdisch-religiösem Liberalismus muß Gegenstand neuen Lernens werden. Es muß untersucht werden, wo der Zionismus der echte Erbe der edlen Makkabäer ist, deren wir gedenken, wenn wir um die Zeit, da die Menora in allen Wohnungen Israels leuchtet, das Gebet sprechen: „In den Tagen Mattitjahus..." Und es muß untersucht werden, wo der Zionismus jenen Makkabäern gleicht, „die einen Hellenismus vertilgten, aber einen andern begünstigten" (Elias Bickermann). Es muß untersucht werden, ob der Antizionismus wirklich immer der kleinbürgerliche Protest der in ihrer Staatsbürgerstellung Sicheren und Satten war, oder ob er nicht in seinen besten Vertretern — gewiß unter den heute sichtbar gewordenen Irrtümern — ein jüdischer Protest gegen eine durch Politisierung entstehende Umformung des echten Judentums war. Damit ist der Entwurf eines Lehrhausprogrammes gegeben. Wie das in Deutschland zurückbleibende Judentum sich an diesem Lehrhausprogramm orientiert, nimmt das jetzt nach Palästina und Übersee wandernde Judentum Deutschlands dieses Lehrhausprogramm mit. Es nimmt seine gemeinsame Vergangenheit mit, die die Einzelnen noch weiter verbinden kann, wo sie durch weite Räume getrennt sind. Der Jude in Südamerika ist heute vom Juden in Tel-Aviv nicht weiter entfernt, als der Jude Alexandriens von dem in Jerusalem war. Wie damals die Entfernung durch die pharisäische Erziehungsarbeit überbrückt werden konnte, so muß sie auch heute überbrückt werden können. Die Verheißungen der Bibel haben Weltgeltung. Jüdischer Glaube ist Weltreligion, nicht Landschaftsreligion. Hier liegt das Schlachtfeld, auf dem unsere Phropheten gekämpft haben. Sie kämpften gegen Baal. Denn Baal ist der Gott der Landschaft. Unser Gott ist der Gott, der Himmel und Erde geschaffen. Kein Tempel, der ihn faßt, kein Land, das ihn umschließt, kein Bild, das ihn darstellt, sondern Himmel und Erde sind der Schemel seiner Füße. Wo gesagt wird: hier, nur hier ist der Tempel des Herrn, da entsteht Baalsdienst; wo gesagt wird: hier, nur hier ist das Land, das als Land, als besonders hervorgehobenes Stück Erde heilig ist, da entsteht Baalsdienst. Erez Israel ist heiliges Land. Das halten wir fest. Erez Israel ist heiliges Land, aber es ist heiliges Land nicht als Land, nicht als Stück Erde, sondern durch seine Geschichte; 105