Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Organisation der Diaspora
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Organisation der Diaspora bleibt. Die politische Einheit schaltet aus. So selbstverständlich das ist, ist es vom modernen Juden selbst zu wenig bemerkt worden, weil er die Politik zu sehr vom Ideologischen und zu wenig von der Macht her sieht. Wenn Juda Makkabi und sein Bruder Simon Juden aus gefährdeten Punkten der Diaspora mit Sack und Pack in das Innere Judäas umsiedeln, so haben sie im Augenblick dazu — die Macht: sie führen das Schwert. Das ist der Grund, warum wir, die wir die zurückliegende makkabäische Periode nicht verleugnen, aber mit den Augen der Pharisäer sehen, eine politische Einheit des Judentums nicht einmal wollen können, — selbst wenn sie überhaupt im Bereich der Möglichkeit läge. Es ist daher auch heute mit Recht weniger von einem politischen als von einem kulturellen Zentrum des Judentums die Rede. Aber da Kultur nicht aus sich selbst entsteht, da kulturschöpfend entweder die Macht oder der Glaube ist, ist ein jüdisches kulturelles Zentrum, das kein Machtzentrum sein kann, dort allein, wo das Judentum in seiner Glaubenshaltung — Schule macht. Die Einheit der Diaspora muß als religiöses Problem begriffen werden. Sonst wird sie nicht erreicht. Wenn wir im wachen Suchen nach der Aufgabe der Zeit zu der Palästina einschließenden Formulierung „Organisation der Diaspora" kommen, so drückt sich darin ein Programm aus, das wir als das pharisäische erkennen können. Der Zionismus und das religiös-liberale Judentum treten aus ihrem prophetischen Abschnitt, in dem Martin Buber und Hermann Cohen repräsentativ waren, in ihren pharisäischen über. Wie weit der Zionismus und das religiös-liberale Judentum immer Prophetismus waren, wie weit sie beide oft im bloß Politischen und Rhetorischen stecken blieben, wird die jüdische Geschichtsschreibung je und je feststellen müssen. Sie wird feststellen müssen, wie weit der Zionismus mehr politische Ideologie als Zionsliebe war, wie weit das religiös-liberale Judentum mehr revolutionäre Auflockerung als religiöse Kritik gewesen ist. Das wird im einzelnen noch festzustellen sein. Eine Geschichte des Zionismus gibt es so wenig wie eine Geschichte des religiösliberalen Judentums. Denn seine eigene Geschichte kann niemand schreiben, Adolf Böhm so wenig die des Zionismus wie Caesar Seligmann die des religiös-liberalen Judentums. Aber diese Geschichte wird bald geschrieben werden können, denn der Gegensatz zwischen den beiden Hauptströmen des Judentums im 19. Jahrhundert ist schon — historisch. Das Leben geht über diesen Gegensatz hinweg und andere Gegensätze künden sich an. Ein legitimes Judentum, das nicht Zionismus ist, doch mit seinem Gehalt an Zionsliebe nie ein Antizionismus sein wird, formuliert immer deutlicher seine Gedankenwelt. Die Leistung der Pharisäer liegt darin, mit den Gedanken der Propheten das Leben des Juden gestaltet zu haben. Sie haben das 103