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Der Morgen · 1936-06-01 · Heft 3 (Juni 1936) · p. 102

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 3 (Juni 1936)
Article
Organisation der Diaspora
Date
1936-06-01
Page
102 (sequence 2)
Language
German
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Ignaz Maybaum zur Zeit. Der jüdische Messianismus ist aber nicht bloß ein leerer Formalismus, der im ständigen Blick auf die reine Idee zum konkreten Tun nicht gelangte. Der Messianismus als Wachheit ist gerade das Suchen nach der Aufgabe der Zeit; aber dieses Suchen soll in seiner Spannung ausgehalten werden. Die Entscheidung soll wirklich das, „was not tut", treffen. Die jüdische Aufgabe der Zeit wird heute in der Formel „Aufbau Palästinas" zum Ausdruck gebracht. Es wäre undenkbar trauriger um uns bestellt, wenn diese Formel nicht da wäre. In ihr haben auch viele jüdischer Inhalte ganz bare Juden wieder die glückliche Verbindung mit dem Judentum erhalten. Die Formel „Aufbau Palästinas" drückt heute eine wichtige jüdische Aufgabe aus, sie ist aber gegenüber der Fülle der jüdischen Wirklichkeit, die zu bewältigen ist, zu eng. Das uns so sehr am Herzen liegende und für uns so wichtige Programm „Aufbau Palästinas" darf sich innerhalb der jüdischen Wanderungsbewegung nicht verselbständigen. Es ist glücklicher, die Formel „Aufbau Palästinas" durch die umfassendere Formel „Organisation der Diaspora" zu ersetzen. Das Judentum Palästinas ist ein Teil der jüdischen Diaspora. Die Sonderstellung Palästinas soll deutlich unterstrichen werden, sie wird aber gerade dort nicht gesehen, wo sie nur als politische behauptet wird. Wo uns die Vorsehung in den geschichtlichen Intervallen ein „ Klein-Juda" wieder geschenkt hat, in Babel, in Spanien, in Deutschland, im slawischen Osten, war es ein Geschenk einer echten Gnade, deren Sonne auch in der Diaspora kräftig leuchten kann. Immer wird das Judentum von einem Zentrum aus beeinflußt — bis jetzt war das Judentum Deutschlands im Besitz dieser Hegemonie —, aber dieses Zentrum ist kein politisches. Wo das führende Lehrhaus steht, ist das Zentrum des Judentums. Daß Palästina sich zum Zentrum des Judentums entwickeln werde, darf gehofft werden, wie es von jedem Ort der Diaspora gehofft werden kann. Aber Palästina wird ein solches Zentrum nicht werden können, wenn es nur „nationales" Zentrum ist, wenn es nur die politische Ideologie ist, die vom Zentrum auf die Peripherie wirkt. Der Nationalismus erwirkt die Gemeinschaftsbindung im geschlossenen Raum; die Bindung über weit auseinander liegende Räume ist aber die zu lösende Aufgabe. Diese Aufgabe kann politisch nicht gelöst werden. Um das Schulzentrum sammelt sich das Judentum, und der Aktionskreis eines Schulzentrums ist wirklich weit. Im Judentum ist die „Schule" etwas anderes als die von einer akademischen Oberschicht dargestellte Gemeinschaft. Das Lehrhaus, das das Judentum über alle Räume hinweg verknüpft, bewährt sich in seiner gemeinschaftsbindenden Kraft auch gegenüber den sozialen Verschiedenheiten. Die Frage ist wirklich — diese Frage hat der Zionismus richtig gesehen —, wie der Jude von Jerusalem mit dem in Warschau, Berlin und New York verbunden 102

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