Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Organisation der Diaspora
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 101 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz May bäum: Organisation der Diaspora Unsere heutige Situation ist dadurch gekennzeichnet, daß nicht bloß die Auswanderungsfrage beantwortet, nicht nur neuer Raum zur Lebensfristung in der Welt gesucht, sondern daß auch ein geistiger Standort an Stelle des verlorenen gefunden werden muß. Wenn das gewaltige Geschehen, in dem wir stehen, nicht bloß als katastrophales Fatum über uns hinweggehen soll, müssen wir uns zu wirklicher Größe aufraffen. Wenn dieses Leid den Juden nicht bloß treffen soll wie eine stumme Kreatur, die nicht antworten kann, müssen wir das wirklich erlös ende Wort der Stunde finden. Wir wollen nicht bloß davongejagte Kleinbürger sein, jammernd über ihre Qual oder hysterisch und ressentimentvoll die Ideologien der Zeit übertrumpfend. Die Glorie, die über uns schwebt, verlangt, daß wir Juden sind. Für das Judenleid, das nicht den Zusammenhang mit der jüdischen Lehre besitzt, ist das prophetische Gleichnis von der Frau, die sich in qualvollen Wehen krümmt und nicht gebärt, das richtige Bild. Aber wie alles Leid vergessen ist, wenn die Wärterin der Mutter das Kind reicht, dieselben Tränen, die vorher aus Jammer flössen, zu Freudentränen werden, so haben die Leiden des Juden als chewle-hamaschiach, als messianische Wehen, eine Zukunft, der wir ruhig und sicher entgegenwachsen. Der jüdische Messianismus kann als Lehre formuliert und als Haltung gelebt werden. Er ist als jüdische Haltung die große Geduld und Sicherheit der Geschichte gegenüber. Außer durch Geduld und Sicherheit wird die messianische Haltung durch Wachheit charakterisiert. Wach sein heißt nicht, die Zukunft vorwegnehmen. Wo dies der jüdische Ideologe tut, erneut sich in ihm die heidnische Prophetie. Wach sein im Sinne des jüdischen Messianismus heißt je und je die neue Aufgabe, die die Zeit stellt, begreifen und sich nicht romantisch bei einer vorhandenen Geschichtsposition beruhigen. „Wächter, wie weit in der Nacht?" Wie der hier in Jesaja 21, 11—12 zu uns sprechende Prophet mit der Antwort zögert — „Morgen zieht herauf, aber auch Nacht noch, wollt ihr's ermühen, mögt ihr euch mühen" — so wäre immer das Zögern bei der Antwort die richtige Haltung in unserer Stunde gewesen. Dieses Zögern ist nicht bloß ein Ausweichen vor der Stellungnahme in der aufgeregten Zeit, ist durchaus nicht Passivität. Nichts geschieht schneller — weil es naturhaft den die Anspannung nicht aushaltenden Nerven gemäß ist — als das Ja-Sagen zu einer Zeitformel. Dieser Ausdruck „Wächter" ist selbst schon positive Stellungnahme 101