Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 5 (August 1935)
- Article
- Eine Forderung an Max Dienemann
- Date
- 1935-08-01
- Page
- 228 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybaum: Eine Forderung an Max Dienemann der von mir vorausgesetzte Begriff vom jüdischen Volk weder der des 19. Jahrhunderts noch der völkisch-liberale des Zionismus ist. Das Problem, das den religiösen Liberalismus zu beschäftigen hat, betrifft vielmehr in der Tat eine jüdisch-christliche Dialektik. Das beweist auch das Wort vom „neuen Juden", das Dienemann ohne das Bewußtsein seiner Tragweite niederschreibt. Daß der Jude nach dem Zusammenbruch seines Mittelalters in einer neuen geschichtlichen Situation stand, weiß ich, und weil ich es weiß und dieser Situation gerecht zu werden versuche, bin ich liberaler Jude. Aber der Judq hat in seiner neuen Situation zu begreifen, daß seine Existenz gegenüber Gott und gegenüber der Welt eine unveränderliche Tatsache betrifft. „Neuer Jude" ist Paulus nach Damaskus. Er ist dann — als Begründer den Heiden Christentums — Judenchrist. Denn das einzige, was der Jude nie werden kann, ist Heide; Christ wird er, wo er von der Tora nur die Haggada, die Verkündigung, begreift, nicht aber die Halacha; denn dieser geht es um Verwirklichung, aber um eine andere als die bloßer Geschichtsziele, um die die Weitvölker ringen. Halacha heißt Weg. Den Weg, den Israel geht, gehen die Weltvölker als Völker der Christenheit auch. Von der Endzeit her gesehen darf diese Gemeinsamkeit festgestellt werden. Aber die Völker der Christenheit gehen ihren Weg über die weltliche Geschichte. Israels Weg ist vorgezeichneter, durch keine säkulare Geschichte mehr zu verändernder Weg. Die Geschichte eröffnet sich neue Situationen. Von der Halacha — daß ich nicht das „Zeremonial"-Gesetz meine, brauche ich Dienemann gegenüber nicht erst auszuführen — löste sich der Liberalismus des IQ. Jahrhunderts und stürzte sich ganz wie heute der völkische Libe-. ralismus des Zionismus in die neue Situationen gebärende weltliche Geschichte. Damit hört für den Liberalismus des 19. Jahrhunderts jind den ihm 'gleichzeitigen und verwandten Zionismus die liberale Problematik auf und beginnt die judenchristliche. Sowohl Philo als auch die jüdische Polis führen ins Christentum. Zum Unterschied zwischen paulinischem und petrinischem Christentum sollte Dienemann doch die religiöse Situation seiner englischen Freunde mit der ganz anderen in Deutschland vergleichen. Die Assimilation führt dort in eine andere Problematik, als es unsere ist. Ohne den Unterschied zwischen paulinischer und petrinischer Glaubenshaltung ist ein Verständnis des Abendlandes und der abendländischen Situation des Judentums nicht möglich. Franz Rosenzweig z. B. handelt darüber im „Stern der Erlösung" (3. Teil, S. 25—30, S. 178—184). Franz Rosenzweig ist liberaler Jude. Ich schließe mit der Forderung an Dienemann, sich gegen den Liberalismus, den er ebenso wie ich überwunden hat, für den Liberalismus von Franz Rosenzweig zu entscheiden. Diese Entscheidung ist in der Tat eine Glaubensentscheidung, bei der für oder gegen das Judentum entschieden wird. 228