Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 5 (August 1935)
- Article
- Eine Forderung an Max Dienemann
- Date
- 1935-08-01
- Page
- 227 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ignaz Maybrnm Eine Forderung an Max Dienemann Der religiöse Denker hat die Pflicht, exakt zu formulieren. Wenn Dienemann exakte Arbeit als Schlagwort charakterisiert, obwohl diese exakte Arbeit gerade darin ihre Mission hat, das Schlagwort zu bekämpfen, so spricht aus ihm die Sorge, vorhandene Gemeinsamkeit nicht zu erschüttern. Diese Sorge beseelt mich ebenso wie ihn. Trotzdem bleibt die exakte Arbeit des religiösen Denkers unaufschiebbare Pflicht des jüdischen Theologen. Es ist eine Verwischung der Problemstellung, wenn Dienemann sagt, daß im Liberalismus „zusammengebrochen nur der unerwünschte Einschlag des unbeschränkten Individualismus ist". Dienemann irrt, wenn er mich zu denen rechnet, die heute den jüdisch-religiösen Liberalismus dadurch kurieren wollen, daß sie den Individualismus von gestern gegen den Kollektivismus von heute auswechseln. Der religiöse Personalismus des Judentums ist jenseits vom vergangenen Individualismus und heutigen Kollektivismus. Da der unbeschränkte Individualismus nicht mehr für unsere Situation zutrifft, nehme ich meine Front gegen den Kollektivismus der neuen jüdischen Generation und zeige, daß er ebenso sehr, ja noch viel eher fähig ist, jüdisches Sein zu zersetzen, als es der Individualismus war. Was Dienemann den „Gestaltungswillen" des Liberalismus nennt, ist, deutlicher ausgedrückt, der jüdisch-legitime Wille zur Kultur- und Zivilisationsgestaltung. Dieser Wille ist dem jüdisch-religiösen Liberalismus und dem Zionismus eigen. Aber ein kulturseliger und zivilisationsvergötzender Liberalismus hatte nicht die Voraussetzung, den Zionismus zu belehren, wo sein Weg jüdisch geboten, wo er nur erlaubt und wo er — als Weg zu einer totalen Politisierung — jüdisch nicht mehr erlaubt sei. Ein solcher Liberalismus konnte nur der Feind des Zionismus sein oder bedingungslos zu ihm überlaufen. „Es geht nicht darum, den modernen jüdischen Nationalismus von einem liberalen Gegensatz her zu bekämpfen. Dieser dialektische Kampf derer, die jüdisch liberal denken, gegen die, die jüdisch national argumentieren, bringt nichts hervor, was der wissen will, der hier nach dem jüdischen Standpunkt fragt." An diesen meinen Sätzen gehen Dienemanns kritische Bemerkungen vorbei. Wird aber der Raum der säkularen Ideologien nicht verlassen, so wird die Klärung nicht gefördert. Nicht bloß auf den letzten Aufsatz, auf den Dienemann Bezug nimmt, sondern auf alle Aufsätze, die von mir im „Morgen" erschienen sind, kann ich hinweisen, um zu zeigen, daß 227