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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 226

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Eine Antwort an Ignaz Maybaum
Date
1935-08-01
Page
226 (sequence 2)
Language
German
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Max Dienemann: Eine Antwort an Ignaz Maybaum christlich, also noch weiter vom Mittelpunkt entfernt. Aber auch sonst sind noch mehrere Fragezeichen zu setzen. War das die das Band zerschneidende Tat, daß Paulus das Judentum vom Volk loslöste? War nicht das vielmehr das Entscheidende, daß er es vom Gesetz loslöste? Und ist es nicht eine Begriffsverwirrung zu sagen, daß der religiöse Liberalismus das Judentum vom Volk loslöste? Indem das gesagt wird, wird der Begriff Volk, wie ihn das neunzehnte Jahrhundert verstand, dem Volksbegriff des Altertums gleichgesetzt. Aber wenn man sich von einer nationalen Auffassung des Judentums abgrenzte, grenzte man sich noch lange nicht von dem Volksbegriff ab. Man verstand ihn eben in der Kontinuität der Geschichte und trennte sich nicht nur nicht von der Geschichte los, sondern wollte in der Geschichte bleiben und blieb bewußt und betont in ihr. Hier ist also die Parallele sowohl mit Paulus als auch die mit dem Judenchristentum in keiner Weise da. Ferner: Ist der Liberalismus nur eine Rechtfertigung aus dem Glauben? Ja, gingen denn die großen und erschütternden Kämpfe des vorigen Jahrhunderts um Glaubens fragen (es sei denn, man hake sich an die eine Frage fest, ob die Tora wörtliche Mitteilung Gottes sei)? Aller Streit ging um Maß und Umfang der verbindlichen Gebote, um Art und Form der Gebete, um die Ordnung des Lebens des damals neuen Juden. Also gerade und fast ausschließlich ein Kampf um die Verwirklichung. Wenn in jüngstvergangener Zeit der Kampf auch um die Frage Religionsgemeinschaft oder Volk ging, und die einen die Antwort Religionsgemeinde gaben, dann geschah es auch nicht im Sinne des Glaubens, sondern der Verwirklichung. Nicht darum ist auch die Antithese irrig, die den Liberalismus als „Bewegung, die auf Verkündigung drängt", jüdisch rechtfertigt, den Zionismus, weil er „auf Verwirklichung drängt", und die meint, der Liberalismus berücksichtige „nur die jüdische Glaubenswahrheit", der Zionismus „nur das jüdische Sein". Liberalismus verkündigte nicht nur, gab nicht nur Botschaft, sprach nicht nur von den Glaubenswahrheiten, sondern erforderte und verlangte, formte und verwirklichte und wollte jüdisches Sein in seinerWeise gestalten. Geradezu unverständlich ist eine Bemerkung wie die, daß „das religiös-liberale Judentum Deutschlands sich an das paulinische Christentum halte und das religiös-liberale Judentum Englands und Amerikas an das petrinische Christentum." Ohne Kommentar versteht das niemand, und versteht mans, so weiß man, daß es falsch ist. Man sollte sich, gerade wenn man für parteibefreites Judentum kämpft, von solchen Vergleichen freihalten. Nicht nur deshalb, weil sie stärker noch hinken, als jedem Vergleich zusteht, sondern weil mit ihneii eine Diskriminierung, ein Absprechen der Gemeinschaft verbunden ist. Und nichts schadet der wirklichen, der fruchtbaren Auseinandersetzung so wie solche Diskriminierung, auch wenn sie nicht beabsichtigt ist.,, IhrWeisen, seid vorsichtig mit eurenWorten." 226

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