Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 156 (sequence 9)
- Language
- German
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Ignaz Maybaum sieht nur das Schema der starren Ideologie. Menschenschicksal und Schema dürfen nicht aufeinander bezogen werden. Wir wollen das Judenleid nicht noch dadurch vergrößern, daß wir, anstatt einfach zu helfen und zu lindern, bei diesem Helfen und Lindern recht haben wollen. Wer helfen will, weiß: jeder Fall liegt anders. Die Werbung für Palästina muß aus einem Standpunkt erfolgen, der dadurch wirklich jüdisch ist, daß neben dem Palästinaaufbau auch die andern jüdischen Aufgaben nicht übersehen werden. „Kein wahrer Zionist wünscht dem deutschen Judentum ein (baldiges oder späteres) Ende: für jeden von uns wäre der Gedanke zu schmerzlich, daß einmal die zahlreichen Stätten jüdischen Gebets und jüdischer Arbeit, die heute noch blühen, verödet dastehen könnten", so formuliert Ernst Simon seine Stellungnahme. Hier scheint eine Ergänzung noch notwendig zu sein, weil zu den Stätten der Arbeit und den Stätten des Gebets, die wir hier zu verlassen hätten, noch ein Drittes, und zwar ein Entscheidendes hinzugefügt werden muß. (Von den Friedhöfen, von denen wir uns losreißen müssen, sei geschwiegen, obwohl auch von ihnen die Rede sein dürfte — einer Jugend gegenüber, der Karl Wolfskehl in seinem Gedicht „Aufbruch, Aufbruch" mit dem Wort „Die Ferne freit" zum Losungswort verhilft. Darüber, daß dieses Losungswort jüdisch nicht legitimiert werden kann, bedarf es gegenüber einem Mann wie Ernst Simon keiner längeren Ausführung. Nicht „Die Ferne freit", nicht Abenteuerfröhlichkeit, nicht die Freiheit des autonom wählenden Menschen, sondern der Zwang der Erwählung — Schicksal, Notwendigkeit, Unausweichbarkeit — macht die jüdische Wanderung zu dem — jüdischen Weg.) Wir haben in Deutschland gearbeitet und gebetet, aber wir haben hier auch einen Raum gefunden, in dem wir eine Geschichte gehabt haben. Wir verlassen, wenn wir sie verlassen, nicht nur Stätten der Arbeit und des Gebetes. Wir haben in Deutschland nicht nur gelebt, sondern wir haben in Deutschland auch eine jüdische Geschichte gehabt. Der deutsche Jude kehrt nach Erez Israel mit einer von ihm nicht wegdenkbaren Entwicklung verbunden zurück, wie auch einst der aus Babylon nach Erez Israel zurückkehrende Jude seinen Väterglauben in der Entwicklung bewahrte, die mit Ezechiel und verschiedenen Redaktoren, mit dem zweiten und dritten Jesaja, mit dem aus der Galut nachstoßenden und aufhelfenden Werk von Esra und Nehemia verknüpft ist. Die Begegnung des deutschen Judentums mit dem das alte Hellenentum neu lebendig machenden deutschen Idealismus war so gefährlich und so schöpferisch wie die Begegnung des Judentums des pharisäischen Geschichtsabschnittes mit dem Hellenismus, in der das rabbinische Judentum das alte Erbe erneuerte. Die jüdische Neuzeit, das Erwachen des Judentums zur neuen Geschichtszeit, wäre ohne die Verbundenheit 156