Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 155 (sequence 8)
- Language
- German
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Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft des Judentums ausgeht, ein anderes Arbeitsgebiet haben als die, die von der spirituellen Seite ihren Ausgangspunkt wählt. Es war der Fehler des Judentums im 19. Jahrhundert, daß sich die Hinwendung zur existenziellen Seite des Judentums und die Hinwendung zur spirituellen Seite des Judentums verselbständigten, daß das religiös-liberale Judentum nur die jüdische Glaubens Wahrheit, das zionistische Judentum nur das jüdische Sein, einfach als jüdisches Sein ohne das Nachdenken über seine Wesenheit, berücksichtigte. So kam es, daß das religiös-liberale Judentum selbst dort, wo es, vom politischen Liberalismus der Zeit emanzipiert, um legitimes Judentum wußte, gewiß nicht ins Leere, aber nicht gebunden an das Judentum, verkündete und so in die Nähe einer durch Judenchristentum gekennzeichneten Zukunft rückte. Und so kam es auch, daß das zionistische Judentum seine Verwirklichung kritiklos mit den gerade herrschenden Programmen des Säkulums vereinte und damit gleichfalls vor der judenchristlichen Gestaltlosigkeit ungesichert war. Von der Utopie zur Apokalypse ist nur ein Schritt. Der Zionismus des 19. Jahrhunderts unterscheidet sich taktisch, nicht prinzipiell vom Revisionismus. Der Zelot ist der ins aktivistische Lager übergegangene Apokalyptiker. Wenn die Völker des Abendlandes vor einem religiösen Nationalismus, der den Islam kennzeichnet, durch ihr Christentum geschützt sind, so ist das Glaubens Volkstum des Judentums vor dieser mohammedanischen Gefahr bewahrt, solange es der Politisierung widersteht. Die Gestalt des Zeloten erinnert daran, daß diese Gefahr auch für das Judentum besteht. Der Islam ist säkularer Idealismus in jüdisch-christlicher Gestalt. Die Zeloten hießen einfach „Galiläer", und die geschichtlichen Zusammenhänge werden sofort sichtbar, wenn darauf hingewiesen wird, daß die ersten Christen Galiläer waren. Auch heute ist der Revisionist — so wenig jüdisch und so wenig christlich er ist — schließlich der Wegbereiter der christlichen Judenmission. Wenn er nach der Verklärung seiner Tragödie Ausschau halten wird, kann ihm nur das Christentum etwas sagen, nicht das Judentum. Denn das Judentum kann die tragische Situation, die es nicht gefordert hat, auch nicht verklären. Wie sollen wir heute für Palästina werben? Die Antwort kann der, der nur Ideologe ist, nicht geben. Wen das Schicksal nach Palästina bringt, der steht in der Möglichkeit, einen jüdischen Weg zu gehen. Wen die nur säkulare Idee nach Palästina bringt, der steht in der Möglichkeit, dem über ihn herrschenden Mythos der Zeit zu folgen. Wer soll nach Palästina gehen? Im deutschen Judentum soll nun diese Antwort von Überlegungen ausgehen, in denen sich seelsorgerische und wirtschaftliche Erwägungen zu finden haben. Auf keinen Fall kann der Parteipropagandist mit dieser Frage, die immer die eines Menschenschicksals sein wird, richtig fertig werden. Die Propaganda, die von einer Ideologie ausgeht, 155