Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 154 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybaum Grenze zu kommen. Diese Grenze wird sichtbar, wo um den in Liebe und Gerechtigkeit frei schaltenden Herrn der Geschichte, den Israel einzig und allein bekennen und loben soll, gewußt wird. Damit erst sind wir nicht nur aus der Völkerwelt heraus, sondern auch vom Übergang zum Christentum, der sich dem Idealisten in seiner eigenen Ausweglosigkeit eröffnet, ganz auf das Judentum zurückgeführt. Nicht zuerst ob unseres Selbstbewußtseins, sondern zuerst wegen des Gehorsams, durch den dem Menschen unter allen Wahrheiten und Werten das Höchste ersteht, stehen wir bei unserm Judentum. Die Judenfrage besitzt eine Unentrinnbarkeit, die die zionistische Antwort noch nicht erfaßt hat. Dieser Unentrinnbarkeit in der Glaubenszuversicht des Gehorsams standzuhalten, ist die Aufgabe, zu der wir uns in echter Rückbesinnung auf das Ganze der jüdischen Lehre, in heiligem Ernst und in der Freude des Psalmensagers anschicken müssen — alle Tage unseres Lebens. Das deutsche Judentum ist sowohl vom Ostjudentum wie vom übrigen Westjudentum dadurch unterschieden, daß es heute seine Diasporaexistenz unter dem Gesichtspunkt jüdischer Legitimität zu erweisen hat. Gerade weil nämlich das Schicksal Palästina an das deutsche Judentum so nahe herangebracht hat, gerade weil für das deutsche Judentum die Grundlage der Diasporaexistenz klar aufgedeckt daliegt, konnte und mußte die Frage: was ist unsere jüdische Pflicht gegenüber Palästina, und was ist unsere jüdische Pflicht in unserer Diasporasituation? in die schärfste Helle des Bewußtseins hinaufgerückt werden. Die Parteibildung des deutschen Judentums ist durch die Stellung zu Palästina entscheidend gekennzeichnet. Zionistische und religiösliberale Gedankengänge beherrschen die Auseinandersetzung innerhalb des deutschen Judentums. Es ist aber, wie eben gezeigt wurde, ein großer Irrtum, das zionistische Judentum als ohne weiteres nicht liberales Judentum, das religiös-liberale Judentum als einfach noch antizionistisches Judentum anzusehen. Hier zeigt sich, wie sehr die heutige Parteibildung an nicht mehr gültigen Ideologien künstlich orientiert ist, wie sehr eine kritische Prüfung des jüdischen Parteilebens notwendig ist. Im Judentum ringen ewig miteinander die haggadischen und die halachischen Elemente, die auf Verkündigung und die auf Verwirklichung drängenden Kräfte. Der Zionismus ist als Bewegung, die auf eine Verwirklichung drängt — die Verwirklichung hat noch andere Wege — jüdisch gerechtfertigt. Der jüdisch-religiöse Liberalismus ist als Bewegung, die auf Verkündigung drängt, jüdisch gerechtfertigt. Daß Verwirklichung und Verkündigung, Haggada und Halacha, aufeinander angewiesen bleiben, zeigt, wie sehr das moderne Judentum in seinen beiden Hauptgruppen untereinander verbunden bleiben muß. Gewiß wird die Gruppe, die von der existenziellen Seite 154