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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 153

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft
Date
1935-07-01
Page
153 (sequence 6)
Language
German
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Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft mus ist nur in einem vom abendländischen Idealismus ergriffenen Judentum möglich. Der abendländische Idealismus — sei er liberal, national oder sozial formuliert — ist zunächst nicht Judentum, und somit entsteht die Problematik eines jüdisch gerechtfertigten Idealismus. Der Idealismus ist die Lehre von der Selbstverwirklichung des Menschen. Der jüdische Mensch aber kann sich nicht als über die Geschichte disponierender Mensch verstehen. Der jüdische Mensch weiß sich als von Gott geschaffener Mensch, allerdings als im Ebenbilde Gottes geschaffener Mensch. Dieser seiner Gottesebenbildlichkeit bewußte Mensch tritt an die Geschichte mit Aktivitätsgesinnung heran. Aber seine Aktivität will Verwirklichung eines Gehorsams sein, der den Menschen gerade als Täter — der Täter ist so leicht Täter gegen Gott: Rebell — an Gott bindet. Die Geschichte als Alexanderzug zu verstehen, als ideokratische Wirkungsentfaltung, verbietet sich damit. Die Geschichte als Offenbarungsweg zu begreifen, ist die Haltung, in der der als Geschöpf sich wissende Mensch Aktivität entfalten kann. Das Programm des Nationaljudentums ist eine Utopie. Damit ist zunächst nur gesagt, daß es ein europäisches Ideal ist. Es ist eine Utopie so gut wie die Utopie des Liberalismus und Sozialismus. Die Geschichte des Abendlandes ist die Geschichte von Utopien, von der Energie, sie zu erdenken, und dem Mut, sie zu verwirklichen, eine Geschichte von Siegen und — Tragödien. Denn nicht das ist die Frage, ob eine Utopie realisierbar ist — sie ist es so sehr und so wenig, wie der Mensch Schöpfer sein kann —, sondern ob der Mensch zu ihr die Kraft findet. Die Kraft zur Utopie, das ist die Kraft zur säkularen Geschichte. Diese Kraft fühlt das moderne Judentum in sich rege. Es geht nicht darum, den modernen jüdischen Nationalismus von einem liberalen Gegensatz her zu bekämpfen. Dieser dialektische Kampf derer, die jüdischliberal denken, gegen die, die jüdisch-national argumentieren, bringt nichts hervor, was der wissen will, der hier nach dem jüdischen Standpunkt fragt. Diesen jüdischen Standpunkt wird nur der gewinnen können, der liberale, nationale und sozialistische Ideologien in ihrer Säkularität gleichrangig begreift und so zu ihnen Stellung nimmt. Wir dürfen sie bejahen, aber wir dürfen ihnen nicht verfallen. Eines muß im Auge behalten werden, daß von keiner Ideologie, sei es die liberale, die nationale oder die sozialistische, das Ganze des Judentums erfaßt werden kann. Wo dies versucht wird, entsteht ideologisiertes Judentum, Judentum, das in einen geschichtlich relativen Rahmen eingeengt wurde. Es ist endlich Zeit, anstatt von den Ideologien auf das Judentum zu blicken, von der Welt des Judentums auf die Ideologien zu sehen, um so zum Verständnis ihrer möglichen Berechtigung und ihrer notwendigen 153

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