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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Franz Rosenzweigs Vermächtnis
Date
1935-05-01
Page
58 (sequence 6)
Language
German
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Ignaz Maybaum: Franz Rosenzweigs Vermächtnis sehe Gleichung: geistiger Mensch frommer Mensch ist auch die des Islam. Rosenzweigs Islamdarstellung geht mit der Spenglers konform, der den Islam als späten Hellenismus, als Pseudomorphose eines noch ganz antiken Elementes in jüdisch-christlicher Erscheinungsform darstellt. Auch die zünftige Islamforschung hat von der Bedeutung des Islam als Bewahrer des antiken Erbes gesprochen, aber den entscheidenden Schritt zur Identifizierung des Islam mit der Antike und zu seiner negativen Bewertung als Religion hat sie nicht gemacht. Die Fruchtbarkeit der Rosenzweigschen Einsicht wird sichtbar, wenn der Fortschrittsglaube als materialistischer Messianismus, eben als mohammedanische Bewegung — Paris als „Mekka" der Zivilisation — begriffen wird, wenn die „heiligen" Aufgaben der modernen Demokratien ihr mohammedanisches Signum erhalten: Glaubenskriege kennt der Islam. Die Schlacht von Poitiers im Jahre 732, in der der Islam aus Europa zurückgeschlagen wurde, wird damit für das christliche Abendland aus einem Datum der Vergangenheit das Symbol der Zukunft, der auch auf christlicher Seite die Überwindung des 19. Jahrhunderts aufgegeben ist. Lessings Ringfabel ist durch die offenbleibende Frage nach dem echten Ring charakterisiert. Nach Rosenzweig, bei dem der Islam als Religion ausscheidet und daher nur von zwei Ringen die Rede sein dürfte, findet die bei Lessing offene Frage ihre Antwort: beide Ringe sind echt. Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil außer für die in ihrer Religion bleibenden Juden: das ist die Formulierung Rosenzweigs. Die christliche Welt ist jüdisch gesehen noch nicht das messianische Reich. Sie ist aber als Zwischenreich, als zwar noch nicht messianische Wirklichkeit, aber nicht mehr nur aus dem Irdischen lebende Wirklichkeit, jüdisch anerkannt Das hat aber „keine Konsequenzen", denn das jüdische Volk ist nicht „wie alle Völker". Die Aufgabe des jüdischen Volkes ist die konsequent messianische. Ihre (an Eugen Rosenstock gerichtet) ganze Schilderung der „Synagoge" seit 70 vergißt oder will nicht wahr haben, daß wir mit Bewußtsein „das Joch des Himmelreichs auf uns nehmen", daß wir für die Sünde des Hochmuts, des Nichtmiideichens, des mittlerlos im Licht des Gottesantlitzes Wandeins — bar zahlen, subjektiv durch die Leiden des Bewußtseins der Ausgeschlossenheit, der Uneigenheit, und objektiv dadurch, daß wir euch das ewig mahnende Denkmal eures N och-nicht sind (denn ihr, die ihr in einer ecclesia triumphans lebt, habt einen stummen Diener nötig, der euch allemal, wenn ihr in Brot und Wein Gott genossen zu haben glaubt, zuruft: Herr, gedenke der letzten Dinge). Der Missionsauftrag des Christentums hat am Judentum seine Grenze. In alles kann sich der christliche Religionsforscher hineinfühlen, aber in das nächstverwandte, das Judentum, nirgends. Was ihm hier in den Händen bleibt, ist immer nur eine losgerissene Einzelheit, der Zu- 58

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