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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 57

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Franz Rosenzweigs Vermächtnis
Date
1935-05-01
Page
57 (sequence 5)
Language
German
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Franz Rosenzweigs Vermächtnis Das liberale Judentum, dessen große Aufgabe es jetzt ist, über die Rückkehr zum Oesetz nachzudenken und sie zu aktualisieren, wird in den Briefen Rosenzweigs Wichtiges und Entscheidendes finden. Denn die Rückkehr zum Gesetz, wie sie Rosenzweig lehrt, ist nicht Rückkehr in eine vergangene Geschichtszeit: Glaubst du, das Gesetz wäre so schwer zu halten? Sieh dir doch die Leute an. Es ist ein sehr zahmes Gesetz, und zvenn ich will, fange ich morgen früh an. Ich würde keine Spur eckiger und kantiger davon xverden. Und hätte mit Sicherheit auf die Weise ein, nein das Zentralproblem meines Lebens (nach Abschluß des „Sterns") aus meinern Leben herausgeschoben, nämlich — das Gesetz.... Das Judentum ist nicht Gesetz. Es schafft Gesetz. Aber es i s t es n i ch l. Es ,ist' Jude sc in. Jeder, der in der Frage des Gesetzes nach der Lektüre des „Sterns" und der „Bauleute" (in „Zweistromland") noch Fragen offen sieht, muß auf die Briefe hingewiesen werden, die eine wichtige Ergänzung bieten. Hier ist die in der Einleitung ausgesprochene Mahnung der Herausgeber, daß das, was „Rosenzweig sagt", im „Stern" zu finden sei, nicht ganz zuständig. Als ich den „Stern" fertig geschrieben hatte, dachte ich, daß nun Jahrzehnte des Lernen und Lebens, Lehrens und Lernens beginnen würden und daß vielleicht am Ende dann, wenn ich ganz alt geworden wäre, noch einmal ein Buch gekommen wäre, und das wäre dann ein Buch über das Gesetz geworden. Aber die Briefe geben eine deutliche Vorstellung, was dieses geplante Buch geworden wäre. Sie zeigen, wie innig schließlich Rosenzweig mit dem Gesetz lebte. Diese Lebendigkeit der Briefe, gerade das U n theologische an ihnen, ist das eigentlich Fesselnde. Trotzdem nimmt die Auseinandersetzung mit theologischen Fragen naturgemäß einen beträchtlichen Raum ein. Das Problem „Judentum und Christentum" war im „Stern" neben der seitenblicklosen Darstellung des Judentums selbst und neben der Auseinandersetzung mit dem Gegensatz „Philosophie und Offenbarung" das große Problem. Die Briefe an die christlichen Freunde behandeln das Gespräch über Judentum und Christentum in derselben Gründlichkeit. Aber diese Briefe zeigen eine menschliche Anteilnahme an dem christlichen Gesprächspartner, die von nun an auch an der systematischen Darstellung des „Sterns" nicht mehr übersehen werden kann. Diese Verbundenheit des Juden mit dem Christen, dazu die unerschütterliche Sicherheit des jüdischen In-sich-verankert-Seins und In-sich-Ruhens machen seine Briefe zu jenem Denkmal von heute, wie es Lessings Nathan für die Vergangenheit gewesen ist Ja, dieses neue Denkmal gibt dem alten wieder den Sinn, der infolge der veränderten Ausdrucksform der heutigen Zeit sonst nicht mehr begriffen würde. Der Unterschied zwischen Lessing und Rosenzweig ist vor allem der, daß Rosenzweig nur zwei Religionen kennt: Judentum und Christentum. Den Islam erklärt Rosenzweig als — Goethe-Religion. Die goethi- 57

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