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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 56

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Franz Rosenzweigs Vermächtnis
Date
1935-05-01
Page
56 (sequence 4)
Language
German
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Ignaz Maybaum Brücke zur Welt. „Je jüdischer wir sind, um so realer können wir sein und um so schwerer wiegen wir. Dieses Gewicht aber fallt in die Waagschale Deutschlands" — oder, ganz persönlich ausgedrückt: „Mein Deutschtum wäre doch genau was es ist, auch wenn es kein Deutsches Reich mehr gäbe. Sprache ist doch mehr als jBlut* ...". Daß Rosenzweig keinen der beiden Bestandteile der deutschjüdischen Synthese, an der er festhielt, als von vornherein natürlich gegeben ansah, gibt dieser Synthese erst Bedeutung und Wert. Wie ihn aber ein wirklich gelebtes religiöses Judentum auch seinem eigenen Deutschtum gegenüber frei, „real" machte, so tritt er auch dem Zionismus gegenüber. Es ist das Bewußtsein eines ihm verwehrten, aber brüderlichen Weges, das ihn gegen Angriffe auf den Zionismus fast noch stärker auffahren läßt als gegen solche auf die eigene Position; so gegen den Versuch, Zion als bloß religiöses Symbol zu behaupten: „Wenn ein Symbol mehr sein soll als ein willkürliches Anhängsel, muß es irgendwo und irgendwie ganz unsymbolische Wirklichkeit sein" — eine Wirklichkeit, an der auch sehr moderne Bestandteile nicht stören dürfen. Aber er sah über dem Zionismus das Judentum und (ebenso wie in der Assimilation) die Gefahr für ihn, „ein erreichbares Ziel zu erreichen": 17nd deshalb werden die Zionisten verloren sein, wenn sie die Fühlung mit der Diaspora preisgeben. Sie werden zu Recht der Arbeit der christlichen Judenmission verfallen; nur durch ihre Fühlung mit der Diaspora sind sie gezwungen, am Ziel festzuhalten, d. h. aber heimatlos in der Zeit zu werden und auf der Wanderschaft zu bleiben, auch dort... Neben den Büchern Rosenzweigs stehen die Werke: Akademieplan, Lehrhaus, Übersetzungsarbeit. „Ich möchte nicht gelesen werden, ich möchte wirken." Aber seine Schriften sind selbst Taten. Er ist der Erzieher zu einer neuen Zeit. Wie lange liegt es zurück, daß ein jüdischer Brief schreib er eine Führungstätigkeit entfaltete, die mehr bedeutet als Organisation und politische Anordnung? Was Rosenzweig mit seinem Akademieplan gemeint hat, wird jetzt aus den Briefen sichtbar. Was die „Große Synagoge" für die Soferim war, kein Institut, das Ämter zu verteilen hat, sondern eine Einrichtung, die dem jüdischen Lehrstand die Einheit der geistigen Richtung und eine Grundlage der Berufsentfaltung zu gewähren habe, sollte wieder geschaffen werden. Mit seiner Lehrhausidee, die die arte Volkshochschule überwinden sollte, hat Franz Rosenzweig gesiegt. Gegen seine Art der Übersetzung, die er im „Jehuda Halevi" und in der mit Buber zusammen durchgeführten Bibelübersetzung anwendete, wird heute niemand — wenigstens niemand, auf den es ankommt — mehr etwas einwenden. Natürlich ist Franz Rosenzweigs Feststellung über den „maßgeblichen" Stilgeschmack noch immer nicht überholt. „Ich habe gelernt, daß eigentlich alle Welt noch beim Buch der Lieder hält, und nur die, die selber schreiben, und auch die nicht einmal alle, beim älteren Goethe und bei Hölderlin." 56

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