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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 55

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Franz Rosenzweigs Vermächtnis
Date
1935-05-01
Page
55 (sequence 3)
Language
German
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Franz Rosenzweigs Vermächtnis Das Alterswerk Hermann Cohens, „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums", in dem sich das Haupt der Marburger Schule von seiner Vergangenheit loslöste, hat Franz Rosenzweig im Manuskript gelesen. Er schrieb darüber aus dem Felde an Cohen: Es wird zunächst ein Ereignis für die christliche Theologie werden, und erst dann wird man es bei uns entdecken. Gerade drüben wird man am ersten fühlen, daß hier etwas für das Judentum geleistet ist, dem man bei sich selbst nichts an die Seite stellen kann. Denn den mit gleicher Gedankenkraft dort unternommenen Versuchen der großen Idealisten fehlt eben das, was dies Buch hat: das Schlichte, die Seele, das Zuhausesein des Herzens in dem kunstreichen Gebäude der Begriffe. Und umgekehrt, wo das vorhanden ist, da fehlt wiederum das andre, die Gedankenkraft, das so gut wie restlose Einbauen des ganzen geschichtlichen Stoffes in den Systembau. Franz Rosenzweig hat als einer der ersten — unter Juden und Christen — die Zeitwende begriffen. Er sah den Niedergang des idealistischen Zeitalters und sah keine jüdischen und keine christlichen Gründe, darüber wehe zu rufen. Er hat sich auch nicht zu denen gestellt, die mit naturalen Begriffen: Leben, Volk etc. den entstandenen Hohlraum aufzufüllen versuchten: Denn es ist ein öffentliches Geheimnis, daß die Rezeption der Antike in den drei Etappen der nationalen Renaissancen, der italienischen des 15. und 16., der französisch-holländischen des 16. und 17., der deutschen des 18. und 19. Jahrhunderts, sich totgelaufen hat. Warum? weil das Schiff Volkstum keinen genügenden Tiefgang hat, um den Ozean der Weltgeschichte zu befahren. Den hat es erst, wenn es die Ladung Christentum in seinem Bauch verstaut hat... . Und nun bleibt uns, wenn wir nicht Christen werden, nur unser Judentum übrig, um das Schiff zu belasten. Die Belastung ist etwas zu schwer, verglichen mit der christlichen, aber das Schiff sinkt nicht; es fährt, ich habe es probiert. Damit tritt zu der jüdischen Notwendigkeit der Rückkehr zum Judentum, die heute keines Beweises mehr bedarf, eine zweite: die europäische. Und dieses Zusammenfließen der Motive beleuchtet erst voll die Bedeutung von Rosenzweigs Konzeption und den Schritt, den er damit über seine Lehrer hinaustut. Meine Ansicht ist kurz gesagt die, von vielen andern ja geteilte, daß die europäische Kultur heute zusammenzustürzen droht und daß sie nur gerettet werden kann, wenn ihr Hilfe kommt von den über europäischen, übermenschlichen Mächten. Daß diese Mächte, von denen das Judentum eine ist, dabei sich, gerade wenn ihnen die Hilfe gelingen wird, aufs neue europäisieren und säkularisieren werden, ja daß schon der erste Schritt der Hilfe, der erste Schritt zu dieser neuen Säkularisation ist, darüber täusche ich mich wahrlich nicht. Die Ewigkeit der Mächte bewährt sich in ihrer Fähigkeit, sich immer neu zu säkularisieren ... Darin liegt auch der Grund, warum die Rückwendung zum Judentum für ihn keinen Rückzug aus dem Deutschtum bedeuten kann, so wenig er die Frage nach der richtigen Distanz umgangen hat: es ist, noch über alle persönlichen Bindungen hinaus, die 55

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