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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Franz Rosenzweigs Vermächtnis
Date
1935-05-01
Page
54 (sequence 2)
Language
German
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Ignaz Maybaum In jeder Zeile, die er schreibt, spricht der berufene, geniale Lehrer, der Mensch voll Herz. Auch die Privatperson in den Briefen wird der liebevollsten Betrachtung jedes Lesers sicher sein. Aber man mindert, wenn man sich in Einzelheiten verliert. Das Ganze muß im Leben Rosenzweigs gesehen werden. Sein Leben ist Gleichnis. Ein Gleichnis ist um so tiefer, je mehr es der restlosen Auflösung in das Rationale widerstrebt. Wir als jüdisches Volk, das in seiner vielfältigen Bindung an die Geister der Zeit jüdisches Volk bleiben will, wir jüdisches Volk als deutsches Judentum, das in der Ungewißheit um die Zukunft Hoffnung lernen will, können das Leben Rosenzweigs als Gleichnis ansehen und darin uns selbst, unsere Frage und unsere Antwort, unser Leid und unseren Trost finden. Rosenzweig war ein großer Mensch. Sein Leben deutet über sich hinaus. Heiligenlegenden entstehen, wo die Geschichte mit biographischem Material kargt. Die Briefe geben uns reiches Material, so daß jede Legende zerstört und das lebendige Bild vor uns hingestellt wird. Ein Rabbiner, den ein katholischer Geistlicher begleitete, hatte Rosenzweig in seiner Krankheit aufgesucht. „Der Mann ist ein Heiliger!", sagte der Kaplan ganz außer sich vor Ergriffenheit. „Der Mann ist ein Jude!", sagte der Rabbiner. Rosenzweig hat sich über die ihn umgebende Heiligenlegende selbst geäußert: Ich zerstöre im allgemeinen die Legende, die sich durch meine Krankheit um mich bildet, nicht. Ich weiß zu genau, daß die meisten Menschen ohne sie überhaupt den Weg zu mir nicht finden würden; sie ist einfach das nötige Äquivalent für die ekelerregenden Anblicke, — der Heiligenschein muß den Speichel zudecken. Aber bei Ihnen habe ich das Gefühl, es nicht dabei bleiben lassen zu dürfen. Krankheit, so wenig wie alles andere Unglück, macht nicht besser. Weder den Leib noch die Seele. Alles mögliche, wenn man einigermaßen seinen Status quo ante aufrecht erhalten kann! Was ich tue, ist im ganzen besehen einfach das, was mir in meiner Lage noch am angenehmsten ist. Das Heldentum, das sich die Leute vorstellen, ist gar nicht dabei. Wenn ich nichts arbeiten würde, würde ich mich einfach gräßlich mopsen. Außerordentlich ist bei der ganzen Sache nur die Energieleistung. Aber gerade die ist mit vieler Brutalität, und zwar nicht etwa nur gegen mich selbst, ivas ja nichts zu sagen hätte, fast notwendig verbunden. Aber selbst die Energieleistung ist nur sichtbarer in diesem Fall, aber z. B. lange nicht so groß wie die, mit der ich seinerzeit unter den tollsten Umständen den ,Stern geschrieben habe (die ersten Bücher sind auf Feldpostkarten geschrieben bei dauernder Unterhaltung mit Kameraden und Vorgesetzten, — „was der Rosenzweig für eine Korrespondenz hat!"). Die Krankheit ist ein Abschnitt i m Leben Rosenzweigs. Dieses Leben selbst, nicht der eine Abschnitt darin, ist die Geschichte Rosenzweigs. Die Briefe zeigen uns jetzt diese Geschichte. Die Heiligeniegenie löst sich auf, und die Tatsachen einer heiligen Wirklichkeit werden siditbar. 54

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