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Der Morgen · 1935-02-01 · Heft 11 (Februar 1935) · p. 490

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 11 (Februar 1935)
Article
Die Legitimität des Geistes gegenüber dem Glauben
Date
1935-02-01
Page
490 (sequence 3)
Language
German
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Ignaz Maybaum menhang mit der Welt des deutschen Geistes suchen. Dieses Ziel gilt für die ganze Bildungsarbeit des deutschen Judentums unter der Jugend und unter den Erwachsenen. Wir dürfen den Zusammenhang mit dem Westen nicht verlieren, wir müssen deutsche Juden bleiben. Wer in dieser These einen Gegensatz zu der Zionsliebe und zu der Idee des Palästinaaufbaus sieht, hat sie nicht verstanden. Als Juden mit ganzem Herzen können, dürfen und müssen wir die Verbindung mit dem Geist Europas, der uns als deutscher Geist zugänglich ist, suchen. Hier darf auf die konsequente Haltung der katholischen Kirche hingewiesen werden. Diese hat sich gegen die seit 1918 zur Geltung kommenden neuen pädagogischen Ideen gewehrt, unter deren Einfluß die Zahl der humanistischen Gymnasien in manchen Provinzen Deutschlands verringert werden sollte. Die katholische Kirche tritt als Verteidigerin des humanistischen Gymnasiums auf und sieht es als eine Anstalt an, dessen Absolventen ihr für eine Priesterausbildung geeignet vorbereitet erscheinen. Das geschieht nicht bloß der alten Sprachen wegen, die der humanistisch Gebildete in das theologische Studium mitbringt. Die katholische Kirche bejaht den humanistischen Geist und spricht der antiken Kultur gegenüber von der „Adventsstimmung des Heidentums", von einem Heidentum, das zwar noch glaubensblind sei, aber auf einer Stufe stehe, von der es nur eines Schrittes bedürfe, um zum Glauben zu gelangen. Das protestantische Bildungsideal schließt die römisch-griechische Vergangenheit gleichfalls ein, und das Tübinger Stift konnte ein Ausgangspunkt des deutschen Idealismus, einer dem Griechentum so kongenialen Bewegung werden, daß man von der Linie „von Jonien bis Jena" sprechen durfte. Das Judentum bejahte in seiner Begegnung mit Hellas gleichfalls den westlichen Geist. Indem das rabbinische Judentum lehrte, wie es jüdische Weise gebe, so gebe es auch solche bei den Völkern der Welt (meg. 16a), indem es zugestand, auch die Völker der Welt hätten Propheten (baba batra 15b), gab es seine Antwort auf die Begegnung mit griechischer Kultur und Bildung. Im Talmud (berak. 58a) heißt es: „Die Rabbanan lehrten: Wer Weise von Israel sieht, spreche: »Gepriesen sei er, der von seiner Weisheit denen, die ihn fürchten, mitgeteilt hat/ Wer Weise von den weltlichen Völkern sieht, spreche: »Gepriesen sei er, der von seiner Weisheit an Menschen aus Fleisch und Blut gegeben hat/ " Eine Rückbewegung zur Thora ist nur dann wirklich eine solche, wenn sie mit Weltoffenheit verbunden ist. Die Thora ist ein Buch — aber kein Koran. Die Thora ist ein Buch, das im Zusammenhang mit einem Geschehen, mit einer die Autorität Gottes offenbarenden Geschichte steht. Ohne den Zusammenhang mit dieser — noch nicht abgeschlossenen — Geschichte wird die Heiligkeit der Thora nicht verstanden. Geschichtslose Schichten 490

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