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Der Morgen · 1935-02-01 · Heft 11 (Februar 1935) · p. 489

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 11 (Februar 1935)
Article
Die Legitimität des Geistes gegenüber dem Glauben
Date
1935-02-01
Page
489 (sequence 2)
Language
German
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Ignaz Maybaum: Die Legitimität des Geistes gegenüber dem Glauben Umwelt bestimmt. Die Kraft dieses Judentums stammt aus der Zeit, da es der hellenistischen Epoche seine Antwort gab, eine schöpferische Antwort, die die zelotische Separation und eine sich verlierende Assimilation gleichermaßen überwand. Noch auf eine andere Epoche kann der jüdische Historiker die Schicksalsformel „Das Judentum wurde auf den Osten zurückgeworfen" anwenden. Das Ende der jüdischen Gemeinschaft in dem französisch-deutschen Kulturgebiet am Rhein und in Frankreich zur Zeit der Kreuzzüge war das Ende einer Entwicklung, in der das Judentum in seinem Übergang vom orientalischen zum europäischen Raum das geistige Rüstzeug für die neue Existenzbehauptung erworben hatte. Dieses geistige Rüstzeug, das hier in einem westlichen Kulturraum, im französisch-deutschen Geistesbezirk, entstanden war, wurde im slawischen Osten das Mittel, sich in dieser barbarischen Umgebung geistig zu behaupten, im fernen Osten mit dem Westen „gleichzeitig" zu leben. Das geistige Gebäude des Ostjudentums, sein großartiges Schulwerk und sein großartiges Bildungswesen, das vom Cheder, von der (Bibel und Bibelkommentar erarbeitenden) „niederen" Schule bis zur Jeschiwa, der Talmudhochschule hinaufreicht, ist in den Ebenen des Ostens ein ebenso fremdartiges Phänomen, wie es in dieser Umgebung ein gotischer Dom wäre. Wer das Ostjudentum nur nach den Methoden der Folklore versteht, wird und muß es mißverstehen. Wer aber der historischen Entwicklung (nachgeht, begreift den Juden im Osten als Menschen, der in Vielem und Entscheidendem, wodurch er sich als Jude gegenüber dem Osten behaupten kann, vom Westen her zu verstehen ist. Der Kommentar des Raschi zum Talmud, ohne den ein Talmudstudium auf europäischem Boden gar nicht denkbar gewesen wäre, ist im deutschfranzösischen Westen entstanden. Die französischen und deutschen Worte im hebräischen Kommentar des Raschi, nach dem Kinder und Erwachsene im Osten den Bibeltext erfassen, erinnern daran, daß dieses tief durchgeistigte Leben des Ostjudentums mit Kräften des Westens sein Judentum im Osten bewahrt. Der Osten gewährt in seiner Stille das Erdreich für den Geist. Aber der männliche Westen war es, der das Judentum in den Ebenen des Ostens sich nicht verlieren ließ. Der westliche, von der Erde sich entfernende und Geschichte schaffende Idealismus ist nicht das Judentum. Das Judentum ist etwas anderes, wie auch das Christentum etwas anderes ist. Aber den Weg durch die Welt kann der Glaube — der des Juden ebenso wie der des Christen — nur gehen, wenn er sich mit dem westlichen Geist vereinigt, der Wege ins geschichtslose Land bahnt. Der Anteil des deutschen Judentums am Westen ist sein Anteil an Deutschland. Die jüdische Schule muß so, wie sie jüdisch ist, mit dem Einsatz aller Energie und Leidenschaft den Zusam- 489

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