Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-02-01 · Heft 11 (Februar 1935) · p. 491

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 11 (Februar 1935)
Article
Die Legitimität des Geistes gegenüber dem Glauben
Date
1935-02-01
Page
491 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895537-2904648--07709-2904698
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Legitimität des Geistes gegenüber dem Glauben sind „illiterate" Schichten. Ist der Literat der Typus für den freischwebenden Geist, der den Zusammenhang mit dem Leben verloren hat, so ist jetzt der aus dem Ring des Lebens nicht heraustretende Mensch in gleicher, nur in anderer Form Repräsentant geschichtslosen Seins. Mit Volkslied und Fahnenwimpel wird der Augenblick mythisch gebannt. Aber Geschichte ist nur dort, wo der Mythos gesprengt, wo Augenblick an Augenblick gereiht wird, wo aus dem Erleben ein Geschehen wird. Der Leser ist ein Mensch, der aus der Wirklichkeit herausgetreten ist. Der an die Zeilen des Buches gefesselte Mensch ist für den nächsten Beobachter ein unheimlicher Mensch, ein von der nächsten Umgebung entfernter Mensch. Diese Kraft zur Einsamkeit des Lesers steht in schärfstem Widerspruch zu dem Kollektivismus, der mit Sprechchor und Gesinnungsformeln das Ich hinab in die stumme, unpersönliche Sphäre mythischen Lebens bannt. Mitten in Deutschland ist unsere jüdische Jugend in der Gefahr, auf den Mythos und damit auf den Osten zurückgeschlagen zu werden. Die Erziehung der jüdischen Jugend müssen wir in verbissener Entschlossenheit gerade wegen der unbürgerlichen Wirtschaftsexistenz, die wahrscheinlich den meisten bevorsteht, in Anlehnung an die bürgerlichen Bildungsmaßstäbe gestalten. Daß der jüdische Bildungsbürger über den deutschen Dichtern und Denkern einmal die Bibel vergessen konnte, ist heute keine Gefahr mehr. Uns sollen jene schöpferischen Geister gerade kund tun, wie weit menschliches Schöpfertum führen kann und wie furchtbar tief die Grenze erlitten wird, die den Menschen nicht mehr als Schöpfer, sondern nur noch als Geschöpf zeigt. Von diesem Schauspiel ist die Heimkehr zur Thora, die nicht westlicher Geist und nicht östlicher Mythos ist, aber allem Geist die Kraft und allem Mythos den Sinn gibt, ein oft gegangener jüdischer Weg. Auch heute liegt er vor uns. Man muß heute mit Schrecken sehen, wie weit der messianische Geist vom Mythos zurückgedrängt wird. Wer die heutige Situation der jüdischen Jugend wirklich kennt, darf mit seiner Warnung nicht zurückhalten. Es ist falsch, aus bloßer Rücksicht die ohnehin schon schwere Situation der Jugend nicht noch mit Kritik belasten zu wollen. Was Mythos ist und wie sehr der Mythos in unserer Gegenwart lebendig ist, erfährt jeder, der der jüdischen Jugend — und nur von ihr ist hier die Rede — nahe steht. Der Mythos ist der Traum, der aus dem Rhythmus der Jahrgangsgemeinschaft aufsteigt. Der Traum wird nicht zerrissen — durch dieses Zerreißen entsteht die Persönlichkeit — sondern weiter ins Leben hineinprojiziert. Der Mensch, der noch nicht zur Persönlichkeit erwacht ist, ist der stumme Mensch. Dieser stumme Mensch singt das Wogen und Wallen seines Wachstums im Gruppenlied aus seiner Brust heraus und bleibt so in der dumpfen Seligkeit, ohne zum Sprechen zu kommen. Denn sprechen — Sprache ist Zeichen 491

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.