Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 342 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybaum Die bürgerliche Lebensauffassung und Gesittung berührt sich mit der jüdischen: es liegt eine Grenzgemeinsamkeit vor. Der Grund dafür ist der, daß das Judentum eine bestimmte Glaubensfigur besitzt. Es ist die Glaubensfigur des Baal-habajit. Dieses Wort und die damit verbundene Sache ist uns so geläufig, daß es uns fast schwer fällt, dafür ein deutsches Wort zu finden: wir könnten den Ausdruck vielleicht mit „jüdischer Hausvater" wiedergeben. Der Baal-habajit ist nicht ohne weiteres der europäische Bürger; es hat ihn früher gegeben, es wird und muß ihn immer geben. Der Lebensraum des Judentums ist die Familie. Diesen jüdischen Lebensraum ermöglicht der Baal-habajit durch seine ganze religiöse Haltung, aber auch durch sein wirtschaftliches Streben. Er sieht in seinen Kindern liebend die künftigen Träger des Judentums. Israel ist in seiner irdischen Existenz Zeichen Gottes; Judentum bejahen, heißt daher Kinder haben wollen. Weil es den Baalhabajit gibt, gibt es die jüdische Frau und das jüdische Kind als ganz vom Judentum her bestimmte Typen. Wenn man mit den Augen des Kollektivismus in die Welt sieht, bemerkt man die Glaubensfigur des Baal-habajit nicht und wird sie nicht verstehen. Wo, wie z. B. in derKwuzah, das Kollektiv gewollt wird, — nicht bloß als Not-Ordnung, als vorläufig gewählte Übergangsordnung, sondern aus Hingabe an die kollektivistische Idee, da hat man vergessen, daß die Familie Schöpfungsordnung ist. Der Bürger hat sich oft in Glaubenssachen verfehlt; als Wahrer der Schöpfungsordnung der Familie hat er sich bewährt. Wo eine Schöpfungsordnung übergangen wird, entsteht das Chaos, mag man sich noch so idealistische, noch so heroische Ziele setzen. An heroischen Zielen ist die Zeit reich. Aber nur wirklicher Glaube gibt die Kraft, die geistig macht. Ein solcher in aller Nüchternheit geistiger Typus ist die Glaubensfigur des Baal-habajit. Um ihn ringen wir in Wahrheit, wo wir als Juden bürgerliche Existenz als Kaufleute oder als Arbeiter des Geistes oder der Hand wieder zu schaffen oder noch zu erhalten und zu retten versuchen. IV. Das jüdische Volk erneuert sich aus den Kräften der Umkehr. Gerade das deutsche Judentum, dessen Schuld es war, als Bildungsjudentum den Glauben verfehlt zu haben, ist berufen, zu einem Glaubensjudentum zu werden. Judentum ist Glaubensexistenz. Im selbstverständlichen Judentum des Mittelalters hat diese jüdische Existenz aus sich und in sich gelebt. Die Situation der Neuzeit, in der das Judentum mit andern Mächten des Geistes zusammenlebt, zwingt es, Bewußtsein seiner selbst zu erlangen. Jedoch nur wieder naiv gläubig zu werden, indem man die Bildungsvergangenheit verleugnet oder sich romantisch in eine vergangene Geschichtszeit stürzt, ist der schlechteste Rat, den man 342