Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 343 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums dem deutschen Judentum geben kann. Das Opfer der intellektuellen Redlichkeit soll niemand bringen; es wäre sehr unjüdisch. Zu Gott zurückkehren heißt nicht, in die Vergangenheit zurückkehren. Frömmigkeit ist nicht Reaktion. Gott erneuert die Welt. Die immer anders werdende Zeit ist der vorangegangenen darin gleich, daß sie immer unmittelbar zu Gott steht. Auch der Logos ist ein Diener Gottes. Wo es gelingt, die jüdische Existenz geistig mitteilbar zu machen, kann der entwurzelte Jude wieder verwurzelt werden, kann der noch verwurzelte Jude die freie sichere Haltung erwerben, mit der er sich in der Welt des europäischen Geistes ohne Gefahr für sein Judentum bewegen kann. Wir sind reif geworden. Wir haben gelernt, daß Wissen, Literatur und Kunst das Letzte, wonach die Seele dürstet, nicht geben können. Das Bildungsjudentum soll nicht preisgegeben, sondern gewandelt werden. Wenn das deutsche Judentum Glaubensjudentum wird, also Judentum, das sagen, gedanklich fassen kann, was jüdische Existenz ist, dann ist das Gesamtjudentum dadurch bereichert. Wenn solche Wandlung geschichtlich wird, so ist hier etwas geschehen, das ebenso bedeutsam ist wie der Palästinaaufbau. Der deutsche Jude ist als treuer Jude der Jude, der wieder treu ist. Wieder treu sein heißt zurückkehren. Das Zeitalter des selbstverständlichen Judentums ist aber allmählich nicht nur für das deutsche Judentum vorbei. Deshalb bedeutet die Geschichte des deutschen Judentums Weisung für das gesamte Judentum. Geschichte ist Wandlung. Jüdische Geschichte ist Wandlung durch Umkehr. Umkehr, nicht Ende des deutschen Bildungsjudentums ist allein jüdisches Ziel. Für die Erhaltung des deutschen Judentums kämpfen heißt wissen, daß dieses deutsche Judentum eine städtische Berufsstruktur besitzt und in dieser Struktur allein als deutsches Judentum leben kann. Wenn eine Ideologie wie die der radikalen Umschichtung hundertprozentig zu siegen scheint, ist es Zeit, ihre Kehrseite zu bedenken. Der hundertprozentige Sieg auch einer berechtigten Ideologie zerstört das Leben. Gewiß ist der handwerkliche und landwirtschaftliche Beruf für viele deutsche Juden bestimmter Jahrgänge eine Rettung, die im Zusammenhang mit Palästina glücklicherweise gezeigt werden kann. Wird aber der ganzen jüdischen Jugend in Deutschland, auch den Jahrgängen, die heute noch zur Schule gehen und der Berufsentscheidung noch fern stehen oder diese noch hinausschieben könnten, der Beruf des Handwerkers und Landarbeiters als der einzig moralisch gerechtfertigte hingestellt, so schraubt man das deutsche Judentum auf eine primitive Lebensstufe herab. Dann wird es auch später einmal die Aufgabe nicht mehr lösen können, die im Rahmen des Gesamtjudentums die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums ist. 343