Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 341 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums Zeit, dieser Geist des Bürgers ist der europäische Geist, also ebensowenig jüdischer Glaube wie christlicher. Aber das Judentum kann Glaube bleiben, auch wo es den Zeitgeist anerkennt. Daß das Zeitalter der bürgerlichen Gesellschaft zu Ende wäre, kann nicht als beweisbare Tatsache verkündet werden. Wohl aber ist deutlich geworden, daß der Bürger über seine prometheische Jugendgeschichte hinauswächst, seinen titanischen Optimismus aufgibt und seinen Weg, den er weiter zu gehen hat, gläubig weiter gehen muß. Die Bekehrung des Bürgers setzt ein, sein Übergang von der religiös nicht verwurzelten Humanität zum Glauben, der die Humanität rettet. Diese Glaubensgeschichte ist ebenso jüdische wie christliche. Es geht daher nicht an, den bürgerlichen Geist einfach als jüdischen zu verstehen und einen antibürgerlichen Kampf als Kampf gegen das Judentum auszugeben. Auch das Christentum wird dann mitbekämpft. Für einen Mann wie Carl Schmitt ist der Bürger einfach der Jude, und er sieht ihn als Gegner des Soldaten. Er sieht wie Spengler den Bürger als den „Nicht-Stand" an. Schmitt vergißt, daß Männer wie Bismarck, Moltke und Roon, wenn wir sie als Soldaten ansprechen, christliche Soldaten waren. Als solche waren sie auch protestantische Bürger. Zwischen ihnen, die christliche Soldaten waren, und dem jüdischen Bürger gibt es eine Gemeinsamkeit des Denkens und der Situation, in der sich Jude und Christ in einem gleichen Zielstreben verstehen konnten. Das Mittelalter kennt nur den Ritter und den Landsknecht; der Soldat ist eine Erscheinung des bürgerlichen Zeitalters. Das deutsche Judentum war verbunden mit einer Mission, die aus Deutschland selbst herausgewachsen war und die den Weg Deutschlands vom Mittelalter zur Neuzeit betraf. Diesen Weg ist der deutsche Jude nicht allein, sondern als Glied des deutschen Bürgertums geschritten. Die Kultur des deutschen Judentums ist eine bürgerliche Kultur. Wir wollen uns unserer bürgerlichen Vergangenheit nicht schämen. Wenn auch das dem Mittelalter sich entgegenstellende neue Selbstbewußtsein der Devise „Bildung und Besitz" durch die entstandene Pauperisierung nicht mehr gültig ist, so kann diese Devise in der Form „Bildung und Arbeit" ihre alte Kraft beibehalten. Die neuerdings auftauchende Formel „Geist und Arbeit" sieht gleichsam nur den Ingenieur, der die Arbeit organisiert, und nicht den Lehrer in seinen verschiedenen Gestalten, der das Leben des Menschen jenseits der Arbeit formt und mit Gehalten erfüllt. Da die Bildungsidee ihre Läuterung erfahren und ihren Gegensatz zum Glauben aufgegeben hat, kann die Devise „Bildung und Arbeit" ein an das Mittelalter anklingendes „Glauben und Arbeiten" miteinschließen. Aber es ist nicht Rückfall, sondern Fortschritt, denn der Glaube ist hier der des geistig selbständigen Menschen der Neuzeit, nicht der von Kirche oder Tradition bevormundete des Mittelalters. 341