Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 340 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybaum düng als Wert fraglich sein. Bildung ist ein Wert. Und das ist der Jugend nicht mehr bewußt. Wenn wir eine nur bürgerliche Halr tung kritisierten, war uns eine antibürgerliche als solche doch niemals schon ein Wert. In der Gesellschaftskritik war der Bürger wohl Objekt, aber er war auch das Subjekt dieser Kritik. Kirchen und Glaubensgemeinschaften schwiegen oder sprachen nicht das entscheidende Wort. Da lösten sich Bürgersöhne von der bürgerlichen Gesellschaft los und wetterten mit prophetischer Haltung gegen sie. Marx und Nietzsche, Ibsen und Strindberg, Stefan George und Thomas Mann sind solche antibürgerlichen und doch bürgerlichen Gestalten. Die ganze, schon ein Jahrhundert währende Bürgertumskritik ist aber jetzt an einen neuen Punkt gelangt. Die Existenz des Bürgers selbst ist gefährdet. Und angesichts der Frage: Darf das Ende des Bürgertums bejaht werden? sehen wir, daß das Ende des Bürgertums ein Ende von Kultur und Zivilisation, von Bildung und Gesittung bedeuten würde. Der Weg, der jetzt so viele von uns in primitive Berufe führt, ist ein Schicksalsweg. Wir dürfen uns nicht versündigen, indem wir von vornherein sagen, er sei ein Unglücksweg. Es wird eben die neue Aufgabe sein, den Menschen der primitiven Berufe Geist zugänglich zu machen. Erwachsenenbildung wird die große Aufgabe der Zukunft sein, wie sie schon die der jüngsten Gegenwart ist. Wo nichtintellektuelle Berufe Wirtschaftsschicksal sein werden, haben wir um Geist, um Wissen und Bildung zu ringen. Vor allem haben wir uns dagegen zu wenden, daß dieser Schicksalsweg romantisch heroisiert wird; wir haben nicht gegen das Bildungsbürgertum gekämpft, um der Barbarei des Realismus, des Primitivitätskultus den Weg zu bereiten. Landschaft ohne Stadt, Landschaft, in der die Stadt verfällt, ist geschichtslose Landschaft. Der Bürger ist Städter, und er ist der den menschlichen Lebensstil der Neuzeit repräsentierende Typus. Ein anderer ist noch nicht sichtbar. Wir können, ja wir müssen ruhig zugeben, daß der bürgerliche Mensch durch bestimmte ökonomische Grundlagen bedingt ist. Wenn ein individuelles Gewinnstreben die Kehrseite der bürgerlichen Tugenden ist, so läßt sich auch bei den soldatischen, auch bei den priesterlichen Tugenden eine solche Kehrseite zeigen. Schillers Rehabilitierung des bürgerlichen Gewinnstrebens — „Güter zu suchen geht er, doch an sein Schiff knüpfet das Gute sich an" — gilt im gewissen Sinne für alle Stände. Eine Verschleierung der ökonomischen Geschichte des bürgerlichen Geistes widerspricht der Wahrhaftigkeit. Trotzdem ist es keine Unwahrhaftigkeit, wenn vom christlichen Bürger, vom jüdischen Bürger die Rede ist. Wenn das deutsche Judentum sich aus Gründen der Existenzerhaltung den Weg in die handarbeitenden Berufe bahnt, so hat dies ohne antibürgerliche Romantik und Utopie zu geschehen. Der Geist der Zeit ist, sofern er Geist ist und nicht Barbarei, noch immer Geist des Bürgers. Dieser Geist der 340