Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 339 (sequence 4)
- Language
- German
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Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums denn das Bildungsjudentum ist nur ein Teil des Bildungsbürgertums, das der deutsche Idealismus, auf die Ideen der französischen Revolution reagierend, geschaffen hat: nur im Deutschland Goethes und Schillers konnte der jüdische Bildungsglaube entstehen. Aus der Zweiheit Bildung und Glaube wurde eine Einheit. Bildung wurde gläubig angeeignet. Mit dem „Es steht geschrieben", bei dem die Väter auf die Heilige Schrift zurückgingen, ging man jetzt auf ein Dichterwort zurück, auf das Zitat aus einem philosophischen Werk. Die Bildung, die Beherrschung des Zeitgeistes, die Mendelssohn zu dem bewahrten Judentum hinzu erstrebte, erhielt eine Totalitätsgeltung, die alles andere unterdrückte. Wissenschaft, Philosophie und Kunst wurden — die Religion. Heute liegt die Gefahr im Gegenteil darin, daß das politische und wirtschaftliche Unglück, das das deutsche Judentum betroffen hat, uns zur Primitivität verurteilt. Der Ausschluß vom akademischen Studium, der wieder bei manchen Eltern einen frühen Schulabgang als gegeben erscheinen läßt, die im Zusammenhang mit Palästina notwendige Bejahung des handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufes, ferner die allgemeine Pauperisierung — das alles führt in eine Situation, in der eine solche Überschätzung der Bildung nicht mehr als aktuelle Gefahr erscheint. Denn heute ist für uns nichts notwendiger als den Wert der Bildung, die Wichtigkeit einer geistigen Oberschicht für die Gemeinschaft zu betonen. Gerade weil wir jetzt die wenigen jüdischen Eltern, die noch dazu in der Lage sind, aufrufen müssen, die geistige Ausbildung wichtig zu nehmen, auch wenn im Augenblick mit dieser Ausbildung keine praktische Berufsaussicht verbunden erscheint, muß dieser Aufruf jüdisch legitimiert sein. Diese jüdische Legitimation fehlte jener Haltung, deren Religion die Bildung war, aber sie ist dem Glaubenstyp zuzusprechen, bei dem der Glaube die geistige Haltung nicht ausschließt, sondern im Gegenteil heranbildet. Es ist ein Kennzeichen des Judentums, daß es den Amhaarez, den primitiven Menschen, für den Geist gewinnt. Einfalt ist eine religiöse, nicht etwa eine intellektuelle Eigenschaft. Sie ist mit Wissen zu vereinen, ja sie wird gerade dort nicht fehlen, wo Weisheit ist. III. Wir müssen heute einen Frontwechsel vornehmen. Wir haben das Bildungsbürgertum bekämpft, weil es über den Bildungsgütern Gott vergessen hat. In diese Frontstellung rückt auf einmal eine Jugend nach, die auch antibürgerlich, die auch der Bildungsbegeisterung feindlich gesinnt ist. Diese heutigen scheinbaren Mitkämpfer aber müssen wir ebenso bekämpfen wie unsere Gegner von gestern. So entschieden wir als Juden gegen die Bildungsvergötzung Stellung genommen haben, niemals konnte uns doch Bil- 339