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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 261

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Gedanken über ein zentrales Synhedrion
Date
1934-09-01
Page
261 (sequence 2)
Language
German
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Max Dienemann: Gedanken über ein zentrales Synhedrion kommen —, so ist das eines der vielen Zeichen dafür, daß die Epoche des Individualismus, der unbedingten Freiheit des Einzelnen, zu Ende ist oder zu Ende geht, daß ein Wille zur Autorität und Einordnung neu sich formt. Der Wunsch ist der Ausdruck des Unbehagens darüber, daß jüdische Lebensform allerwärts ein anderes Antlitz hat, selbst schon im Nachbarlande, und daß jeder einzelne Jude glauben darf, sein Judentum nach eigenem Maß und eigenem Urteil bestimmen und begrenzen zu können. Um das Grundsätzliche alsbald vorweg zu nehmen: die Einrichtung einer solchen zentralen Behörde wäre ein großer Gewinn und eine Stärkung. Die Buntscheckigkeit der religiösen Ausdrucksformen würde aufhören, der Willkür in der Anerkennung des religiösen Brauches ein Gegengewicht gesetzt sein; Fragen, die seit Jahrzehnten nach einer zentralen Lösung verlangen, z. B. gewisse Erfordernisse des jüdischen Eherechts, könnten gelöst werden. Es wäre eine moralische Autorität vorhanden, die heute nicht da ist, Autorität weniger der nichtjüdischen Welt als den Juden selbst gegenüber. Man würde über eine gewisse Erstarrung hinwegkommen. Man hat den Schulchan Aruch, die maßgebende Kodifizierung des Religionsgesetzes, einmal ironisch einen papierenen Papst genannt, womit man sagen wollte, daß eine lebendige Persönlichkeit noch so beharrender Art doch immer die Möglichkeit hat, neuen Notwendigkeiten in der vollen Autorität der Eigenart einer bestimmten Gemeinschaftsform Rechnung tragen, daß aber dem Judentum diese Möglichkeit genommen ist, weil ein Buch und nicht die Persönlichkeit im Mittelpunkt steht. Eine religiöse Zentralinstanz könnte hier mehr Beweglichkeit geben. Noch mehr! Ihr Vorhandensein würde einen Irrglauben forträumen, unter dem wir leiden. Heute glauben Viele das Märchen, daß die Juden irgendwo in der Welt eine geheime Oberinstanz hätten, die sie politisch führe, sie glauben es vielleicht deshalb, weil ihnen die Vorstellung einer Gemeinschaft, die keinerlei Zentralleitung hat, ganz unglaubhaft erscheint. W i r wissen, daß jüdische Existenz auch ohne eine solche möglich ist, wissen, daß das Judentum seit Jahrhunderten ohne sie existiert und daß ihr Fehlen dem Leben der Juden eine starke Ausdrucks- und Formdifferenzierung gab, die häufig geradezu erhaltend wirkte. Aber Viele haben davon gar keine Vorstellung; und weil keine sichtbare zentrale Behörde da ist, erscheint es ihnen gar nicht anders möglich, als daß irgendwo im Geheimen eine solche sein müsse, und ihr schreiben sie nun die merkwürdigsten Weltherrschaftspläne zu. An das Geheimnisvolle, Unkontrollierbare kann man eben auch die unkontrollierbaren Vorstellungen und Befürchtungen der eigenen Seele anheften. Eine vorhandene, sichtbare Zentralinstanz würde in ihrem täglich zu beobachtenden Wirken deutlich machen, daß es nur eine religiöse Einheit der Juden gibt, daß nur um die Einheit der jüdischen Lebensform gerungen wird 2 261

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