Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Religion heute?
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 251 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Religion heute? eine infolge der neuen Schicksalswende zweifellos vorhandene weite Aufgeschlossenheit für das Religiöse als Gefühl und Erlebnis, aber ohne Tat und Entscheidung. Als Weg der Rückkehr zum Judentum konnten wir diese religiöse Disposition nicht werten, sie führt eher an dem alten Judentum vorbei. Wir fanden aber auch den Weg der Rückkehr zum gesetzestreuen Glauben deutscher Prägung für uns verbaut und ungangbar. Gibt es somit nach Ablehnung der Scheinideale des reformatorischen Judentums des 19. Jahrhunderts keine andere Möglichkeit echter jüdischer Religiosität außerhalb der Orthodoxie für den westlichen „neuen" Juden? Diese Frage zu verneinen, stände im Widerspruch zu dem seit fast einem Menschenalter sichtbaren heißen Ringen um die richtige jüdische Wahrheit, gerade im deutsch sprechenden jüdischen Kreis. Als Beispiele für viele andere verlebendigen wir uns die Gedankenleistungen und Anrufe eines Franz Rosenzweig, Bub er, Max Wiener, Juda Bergmann, Leo Baeck, Isaac Breuer, Joseph Carlebach, Eli Münk, Ernst Simon. War das alles nur Literatur, Gedankenspiel, Stilkunst, Predigt, mehr oder minder unverbindliche Philosophie, gesalbte oder ungesalbte Spekulation im luftleeren Raum ohne die Kraft der Umwandlung? Man sagt uns immer wieder: „Es gibt heute sicher eine ganze Anzahl junger jüdischer Menschen, die an die Möglichkeit einer neuen Religiosität außerhalb der Orthodoxie glauben, etwa im Sinne der von Buber und Rosenzweig vertretenen Anschauungen." Wir fürchten, die geist- und sinnreichsten, auf Kant, Hegel, Cohen bis Heidegger aufgebauten Werke über den Zusammenbruch und das klägliche Versagen der selbstherrlichen Vernunft, können dem besten Willen zur Rückkehr nur in einem sehr langsamen Reifeprozeß den Boden bereiten, in den meisten Fällen jedoch nur achtungsvolle Enttäuschung bereiten. Das liegt nicht an den Einzelleistungen, nicht an den Persönlichkeiten der Verfasser. Vom „Gesetz", der Tora, ist dadurch noch nie jemand weggeführt worden, aber auch nicht zum Halten der Mizwoth hingeführt. Und wir hören weiter von dem »eigentlichen« Ausweg, dem zionistischen Ideal, wenn es sich bewußt bleibt, daß der Zionismus zwar nicht als religiöse Erneuerungsbewegung entstanden ist, daß er sich aber keineswegs „einen geschichtsfreien Raum", ein unverbindliches Territorium für eine neue gesamtjüdische Existenz, für welche die hebräische Sprache und die jüdische Siedlung genügen könnten, gewählt hat. Hier überschreiten wir die uns gestellte Aufgabe, die uns nur zusprechen erlaubt von dem innerhalb des Kreises der westeuropäischen Bi'idungs- und Lebensform aufgewachsenen, sich für die geistige j ü - d i s c h e Haltung unserer Gemeinschaft verantwortlich fühlenden modernen „neuen" Juden und von ihrer religiösen Bereitschaft. Die echte religiöse Aufgeschlossenheit der Jugend und der Massen, die sich vor allem in Palästina ein neues Leben suchen, ist ein- 251