Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Religion heute?
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 250 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895533-2904228--07358-2904287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Feuchtwanger handelt sich in der Tat um eine Phantom weit, in der die verlorene Geschlossenheit und Ganzheit des altjüdischen Lebens genau sowenig wieder hergestellt wurde wie auf dem Boden der „liberalen Assimilation". Den Gläubigen, den alten Frommen wies S. R. Hirsch einen Weg der Versöhnung mit der modernen entgotteten Fortschrittswelt und zeigte ihnen die Möglichkeit zur unbedenklichen Aufgabe der alten, nur in der autonomen abgeschlossenen Kehilla zu verwirklichenden altjüdischen Lebensform mittels eines Systems von Fiktionen und Symbolen, wodurch jede Vorschrift der alten Pflichtenlehre (zuletzt kodifiziert im Schulchan-aruch) aufrechterhalten und mit der Welt des Kapitalismus, der Welt der Eisenbahnen und Aktiengesellschaften vereinbar gemacht wurde. Dieses „Vehikel einer Assimilation" brach in der Tat mitten entzwei, als jener Lebensschwung des Fortschritts, der Schienenwege, des Dampfschiffs, des Parlamentarismus und Weltbürgertums von der ganz anderen Welt des Kinos und Radios, des Flugzeuges, der Maschinengewehre und des autoritären Staatsapparates im Osten und Westen abgelöst wurde. Das Zeitalter der „Aufrichtigkeit" brach an und hatte sich sofort gegen zwei feindliche Fronten zu verteidigen, gegen die „Phrase" und gegen die „Barbarei". Rathenau sah einseitig in der heraufziehenden „Entblößung der Dinge" nur die drohende „Vertikal-Invasion der Barbaren", er fürchtete die „action directe" unter Ausschaltung des Mittelbaren, Vermittelnden, Konventionellen. Aber es konnte damit doch immerhin auch eine Wegfegung der Phrase, der falschen Fiktion, ein Verlassen der höflichen, hohlen Umwege verbunden sein. Jedenfalls gelang es nicht mehr, einer unverbogenen deutsch-jüdischen Jugend die neuorthodoxe Klitterung „Tora-im-derech-erez", die Vereinbarkeit der sich gegenseitig ausschließenden Haltungen von weltoffener kapitalistisch-rationaler Lebensform und unbedingter Unterwerfung unter das Gebots- und Verbotssystem des Josef Karo mit Aussicht auf Dauer und begeisternde Anziehungskraft plausibel zu machen. Dieses Bild von Gott und der Welt, von S. R. Hirsch vor 100 Jahren im Schutze der Schleiermacher-Schellingschen Gedankensysteme, aber noch in echt jüdischem Geiste mit genialem Schwung voller Suggestionskraft entworfen, kann in den Nöten dieser Tage auch die heranwachsende Generation nicht mehr fesseln und fürs Leben verpflichten. Die Bereitschaft zur religiösen Erneuerung und zur Rückkehr, die neueste große Chance in der jüdischen Schicksalsgeschichte, konnte, wie man heute historisch festzustellen imstande ist, der deutschen Orthodoxie keinen inneren oder äußeren Kräftezuwachs bringen. III. Bedrückt überschauen wir die unerbittlichen Ergebnisse unserer bisherigen Feststellungen: wir beobachten in unserer Mitte 250