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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 252

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Religion heute?
Date
1934-09-01
Page
252 (sequence 8)
Language
German
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Ludwig Feuchtwanger: Religion heute? deutig ganz anders zu beurteilen und zu behandeln. Über diese Frage sprechen wir nicht aus Eigenem, sondern folgen der erprobten Autorität des Rabbiners Eli Münk gesetzestreuer Richtung. Er lehnt auch für diesen Kreis das Prinzip „Tora-im-derecherez" von Rabbiner Hirsch und Isaac Breuer aufs entschiedenste ab: „So reichen Segen dieses Programm auch unzweifelhaft für uns deutsche Juden gebracht hat, so ist doch in keiner Weise einzusehen, warum es nun besser sein soll als die von den Tora-Größen anderer Länder vertretene Bildungsform, und warum unbedingt alle Juden der Welt an dieser Abart des deutschen Wesens genesen müssen. Breuer legt diesem Prinzip eine Universalität der Bildung unter, die weder durch Hirschs Auffassung noch durch die Praxis gerechtfertigt erscheint. Wir erstreben eine aus der Universalität rein jüdischer Bildung hervorgehende Kultur, zumal die rein religionsgesetzlichen Voraussetzungen jenes Hirschschen Prinzips trotz allem immer noch problematisch erscheinen. Das heilige Land soll eine heilige Kultur empfangen. Unsere Erziehungserfolge berechtigen uns nicht, die Prinzipien dieser Erziehung den Juden anderer Länder aufzuzwingen." Und was bleibt für uns, die zurückbleiben? Neue „Richtlinien", wie sie jüngst wieder der Rabbiner der Hamburger Tempelgemeinde, Dr. Italiener, forderte? Im Interesse der alle Juden umfassenden Gemeinschaft ist danach die Beobachtung bestimmter gemeinsamer Religionsgesetze unter Zurückgreifung auf das alte jüdische Religionsgesetz autorativ zu fordern. Und wie nützen wir die Chance? Wie schaffen wir der Bereitschaft zur Umkehr ein solides Strombett, wenn die „religiöse Disposition" wieder abebbt? Wir können unter keinen Umständen eine intellektuelle Unredlichkeit an die Stelle der „Religion der Gebildeten" setzen. Es gibt nur ein Mittel, das Entsagung und Geduld fordert: Lernen — Lernen — Lernen. Auf allen Wegen, mit allen Methoden! Hebräisch, Bibel (in traditioneller Weise und nach Art der modernen Bibelwissenschaft), Geschichte, Gegenwartskunde. Teilnahme an unseren Gottesdiensten aller Richtungen! Eindringen in die unvergängliche Welt unserer Gebete, der großen klassischen Urkunden, in denen das „Heilige", das Rätsel der „Gottesnähe" aufbewahrt ist. Die Möglichkeit des Selbsterlebnisses schaffen, damit man es selbst inne werden kann, daß hier die „Urworte" jeder religiösen, demütigen, vom Ich und der Welt gelösten Haltung stehen. Nur so lernen wir wieder unser eigenes Blut und Gut kennen. Wir kennen es viel zu wenig, als daß wir selbst geeignete Gesetzgeber, Aufrichter eines „Minimalgesetzes", Verfasser von „Richtlinien" sein könnten. Erst wenn wir mehr gelernt haben, unser eigenes Geistesgut in allen Formen durchforscht, die wirkenden Kräfte selbständig geprüft haben, dann ist die Zeit für ein neues Synhedrion gekommen. Ludwig Feuchtwanger 252

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