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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 206

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums
Date
1934-08-01
Page
206 (sequence 7)
Language
German
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Ignaz Maybaum Zeit und Möglichkeit hernehmen?" Hier ist klar die Aufgabe gezeigt, die zu bewältigen ist: die Existenz des Juden in seiner nichtbürgerlichen Wirtschaftssituation in Geist und Gottverbundenheit zu gestalten. Ob das noch „Bildungs"arbeit ist? Lassen wir diese Frage und gehen wir an die Lösung der Aufgabe, die hier gestellt ist. Sie ist dem deutschen Judentum aufgetragen. Entweder das deutsche Judentum löst sie, oder sie bleibt im Judentum heute ungelöst. Franz Rosenzweig stellt in seinem „Stern der Erlösung" dem Gebet des jungen Goethe „Schaff' das Tagwerk meiner Hände, hohes Glück, daß ich's vollende" das rechte Gebet des Moses aus Psalm 90 gegenüber: „Ja, das Werk unserer Hände wollest Du fördern." Rosenzweig konfrontiert hier den polytheistischen Idealismus mit der jüdischen Frömmigkeit. Das Gebet Goethes, das prometheische Gebet beten unsere Brüder in Palästina. Sie sehen ihr Schicksal an mit dem Gefühl jener Schöpferfreude, die im sechsten Buch des „Wilhelm Meister" beschrieben wird, „daß das ganze Weltwesen vor uns liege wie ein großer Steinbruch vor dem Meister", und mit dem Stolz, „daß der Mensch die Umstände so viel als möglich bestimme". Wo die Persönlichkeit ihr Schicksal gestaltet, wird die Sonne der Renaissance das Leben beleuchten. Das deutsche Judentum muß sein Schicksal tragen. Wilhelm Meisters Ideal, „das Leben als Kunstwerk zu gestalten", durfte eine Zeit lang auch das Ideal des deutschen Judentums sein. Das ist vorbei. Wir müssen unser Leben — leben. Dem Persönlichkeitsideal der Renaissance stellen wir das Wort des Propheten gegenüber: „Er hat dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was verlangt der Ewige, dein Gott, von dir als Recht tun und von Herzen gut sein und einfältig wandeln mit deinem Gott." (Micha 6, 8.) Hier ist das Leben selbst Auftrag. Nicht mehr, daß das Ich Schöpferfreude erfährt, ist das alles Ausschließende. Entscheidend ist, daß das Ich den Schöpfer erfährt. Damit schreiten wir von einem Idealismus, der der Menschheit „große Werke" fordert, zum Dienst an den „guten Werken", den maassim towim fort. Ja, das Werk unserer Hände wollest du fördern! Dieses Gebet kann nur gesprochen werden, wo der Mensch nicht nur der Einzelne ist, der seine Gestaltung zur schöpferischen Persönlichkeit allein im Auge hat. Dieses Gebet wird allein dort gebetet werden, wo der Einzelne heimgefunden hat in die Gemeinde. Denn die Ewigkeit, die der schaffenden Persönlichkeit in der Einsamkeit ihres Selbst aufgeben ist, ist dem Augenblick geschenkt, in dem die Gemeinschaft sich versammelt, in der jeder nicht mehr fensterloses Selbst ist, sondern neben sich den gleichem Tod und gleichem Leid überantworteten Menschen, also den Nächsten sieht. Da die Aufgabe, die sich dem deutschen Judentum eröffnet, eine geschichtliche ist, ist sie als soziale oder philantropische miß- 206

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