Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 205 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums Kollektivierung, die sich einfach aus der Verarmung Europas ergeben, einer barbarischen Primitivität verfallen. Armut kann zur Barbarei fuhren. Sie muß es nicht. Wir sind durch die europäische Persönlichkeitsstruktur geformt. Hier bedeutet Verändern sehr rasch Zerschlagen. Also müssen wir unsere BildungsVergangenheit mit aller Energie bewahren, so gut und so tief es geht. Und es geht. Wir dürfen uns nicht der Pose, in der wir uns als die letzten Römer fühlen, hingeben, dürfen nicht stoisch, das heißt hoffnungsarm, vom Untergang der Kultur und dem Beginn der Barbarei reden. Wir müssen handfeste Arbeit leisten. Hier sind der „Kulturbund der deutschen Juden", Bubers „Mittelstelle für Erwachsenenbildung" und die Kleingemeindenfürsorge der jüdischen Landesverbände zu nennen, die energisch Bildungsarbeit leisten. Gewiß oft nur — wie sollte es schon so schnell anders sein? — im Sinne des alten humanistischen Bildungsbegriffe, der immer noch die das Schöne genießende, das Wahre wissende Persönlichkeit schaffen will. Das ist noch die Renaissance. Sie lebt noch, weil Gott, auch wo sein Urteilsspruch über eine Zeit gefällt ist, nicht einfach „losdrischt" (Jesaja 28, 23—29). Die Zeiten verklingen. Sie verstummen nicht mit einem Schlag. Zwar kann jene Kultur, die nicht über sich hinaus in die Welt Gottes weist, nicht mehr unser ganzes Herz beanspruchen. Aber was unsere Vergangenheit, die uns zu europäischen Juden, zu Westjuden formte, verlangt, ist und bleibt uns wichtig. Die Zukunft allerdings verlangt etwas Neues. Hier handelt es sich nicht nur um Fortführung, sondern auch um Umformung unseres Bildungsideals. Mit dieser Umformung steht und fällt heute die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums. Welches ist die Ehre dessen, der ohne Rang ist? Welches ist das Glück derer, die Leid haben? Welches ist die Herrlichkeit derer, die kein Zeichen selbstherrlich tragen dürfen, sondern selbst ein Zeichen sind? Welches ist die Schöne einer abgearbeiteten Hand und leidumschatteter Augen? Diese Fragen, die das Schicksal dem deutschen Judentum aufgegeben hat, führen von der Welt Goethes fort. Aber wir müssen in der Not auch um das notwendige Maß an Bildungsbesitz schwer kämpfen, da wir in guten Zeiten verspielt und verwegen nach Maß und Grenze nicht fragten. Auf der Konferenz für jüdische Erwachsenenbildung, die Bub er im Mai 1934 nach Herrlingen einberufen hatte, gab ein junger Mensch allen, die den alten Bildungsidealismus in unveränderter Form noch retten wollten, Bericht über die Situation der Menschen, die in der Umschichtung zu landwirtschaftlichen und handwerklichen Berufen stehen: „Wir sind am Abend müde, es bedarf schon aller Energie, um das Lernen des Hebräischen zu bewältigen. Dazu kommen die vielen Vorträge, die uns über unsere zukünftige Situation unterrichten sollen. Wo sollen wir zu einer besonderen Bildungsarbeit noch 205