Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 207 (sequence 8)
- Language
- German
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Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums verstanden. Es wäre ein Irrtum, die heutige Bildungsaufgabe des deutschen Judentums im Geiste der Settlement-Bewegung lösen zu wollen. In ihr heißt es immer: „to bridge the golf", „die Kluft zu überbrücken", die sich zwischen gebildetem Bürgertum und ungebildetem Proletariat auftut. Unsere Lage ist eine ganz andere. Das ganze deutsche Judentum hat ein Schicksal. Mit denen von uns, die ihre bürgerliche Herkunft geistig formte und heute noch bestimmt, und mit denen zugleich, die schon unter den dem früheren Bürgertum fremden Existenzbedingungen leben, gehen wir gemeinsam unserer Zukunft entgegen. Diese Gemeinsamkeit ist so groß, daß der Unterschied zwischen jenen, die in der jetzt entstehenden Bildungsaufgabe Lehrende sind, und denen, die als Lernende kommen werden, fast belanglos wird. Die Lehrer müssen ebenso wie die Schüler um das Neue, auf das es allein ankommt, ringen. Ja, vielleicht wird mancher Schüler in dem entstehenden lernenden Erwachsenenkreis deutlicher das Notwendige, auf das hingesteuert werden muß, sehen als mancher Lehrer, dem der Star seiner Weltanschauung noch nicht gestochen ist. Eben weil in Wahrheit um neue Gestalt des Lebens, also um Zukunft, gerungen wird, dürfen wir von geschichtlicher Aufgabe des Judentums reden. Die Universität, die dem deutschen Judentum bisher offen stand, hat in der platonischen Akademie ihr Urbild. Das Judentum hat in der Weltgeschichte die der platonischen Akademie gegenüberstehende — nicht ihr widersprechende — Institution geschaffen: das Lehrhaus. Das Lehrhaus ist keine Akademie, denn es ist auch Stätte des Gebetes. Aber als Stätte der Lehre wird es auch nie Kirche sein, wie sehr es Gotteshaus ist. Denn das Lehrhaus ist die Stätte des Geistes, der nicht allein als spirituelle Glaubensformel, sondern auch als täglich und stündlich sich bewährende Lebensformel des Glaubens mitgeteilt wird. Jüdische Bildungsaufgabe will zu „Lehre, Ehestand und guten Werken" führen. Den „Untergang des deutschen Judentums" verkündet eine Statistik, die in der Not der Gegenwart zur Zeichendeuterei wird, die der Zukunft glaubenslos gegenübersteht. Der jüdische Ehestand erhält vom jüdischen Glauben sein Wesen. Kinder sind dort die Sehnsucht, wo eine Zukunft gläubig erwartet wird. Wenn dem deutschen Judentum seine geschichtliche Aufgabe deutlich wird, werden die Kinder als Erben, die Judentum wahren, angeschaut werden. Damit entsteht jüdisches Familienleben und der Wille zum Kind. Weil wir an Gott glauben, der Israel in seinen Auftrag genommen hat, wollen wir, daß der Same Israels nicht aufhöre. Israel ist in seiner irdischen Existenz Zeichen Gottes. Gott bezeugen kann und muß hier deshalb zugleich dies, sein: das Kind zeugen. Denn der späteste Enkel kündet vom ersten Ahn, den der Bund mit Gott kennzeichnete. 207