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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 204

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums
Date
1934-08-01
Page
204 (sequence 5)
Language
German
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Ignaz Maybaum auszugehen. Die Philosophen des Idealismus wollen und können ihr Wissen nicht aus den Ereignissen wandeln. Sie wollen das ewige System. Uns haben die Ereignisse so sehr überrannt, daß wir gerade um dieser Ereignisse willen fragen und die Wahrheit suchen, eine Wahrheit, die keine starre Idee ist, sondern eine Wahrheit, die uns, dem Tod und dem Leid verfallene Menschen, trösten kann. Mit dem Suchen nach solcher Wahrheit, mit dem Suchen nach dem Geist, der tröstet, sind wir keine Renaissancemenschen mehr. Damit sind wir der Bibel näher gekommen, sind wir schon jüdischer als alle, die noch den Traum der Renaissance träumen und jüdische Renaissance wollen. Wir sagen nicht mit Ulrich von Hutten: „Es ist eine Lust zu leben", wir sagen: „Es ist schwer zu leben." Ja, wir sagen: „Wie kann man das Leben aushalten?" Aus der Tiefe rufen wir zu Gott. „Alles, alles ist geschwunden, nur die Wunde für den Glauben bleibt" (Goethe). Wir dürfen diese Wunde nicht unbeachtet lassen, dürfen nicht so tun, als wäre keine Wunde an uns, wie es Jesaja seiner Generation zum Vorwurf macht. Wir müssen mutig und sorgsam unser Leid im Auge behalten. Nur dann kann uns Heilung werden. Wir sprechen vom Heil, nicht vom Glück. Das Glück ist geistlos. Nur wer leidet, wessen Situation eine Not ist, wird geistig und denkt. Der Geist kommt hier — nur hier — als Tröster. Der platonische Geist, der Geist der europäischen Universitäten, wendet sich an den freien Jüngling, der als Sohn reicher Eltern Muße hat. Der Geist, von dem in der Bibel die Rede ist, wendet sich an den von Tod und Leid und Untergang bedrohten Menschen als eine Kraft, die Tod und Leid und Untergang überwinden und heilen kann. Das deutsche Judentum kann seine Söhne nicht mehr zur Universität schicken. Der platonische Geist, der im deutschen Judentum so sehr wie in keinem andern Teil des Judentums Wohnstatt hatte, wird bei uns seine Heimat im alten Maße nicht festhalten können. Schämen wir uns nicht und sagen wir es in dieser Stunde, die unter dem Zeichen der Berufsumschichtung steht, offen heraus: das Herz tut uns sehr weh. Ein jüdischer Vater ist der, der seinen Sohn erzieht zu „Lehre, Ehestand und guten Werken". Lehre heißt auf hebräisch Thora und ist also etwas anderes als Bildung. Aber eine Trauer will uns nicht loslassen bei dem Gedanken, es könnten unsere Kinder einmal zu ungebildet sein, um mit den Gedichten Goethes und Georges, mit der Musik Schuberts und Mahlers etwas anfangen zu können. Wir werden energisch darauf bedacht sein müssen, daß das deutsche Judentum nicht einer Fellachisierung verfällt, die beim gänzlichen Aufhören des akademischen Nachwuchses sein Los werden könnte. Was ist aber zu tun? Zunächst ist hier von sehr handfesten Dingen zu reden. Wir — und nicht nur wir, sondern das ganze europäische Bürgertum — haben dafür Sorge zu tragen, daß wir nicht in der jetzt beginnenden Nivellierung und 204

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