Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 203 (sequence 4)
- Language
- German
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Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums Kulturepoche, die anderswo in langen Zügen ausgelebt wurde, in einer Schnelligkeit zu erleben, die an das Wachstum, die Wandlung und die Überwindungsfähigkeit der Seele die größten Ansprüche stellt. Dieses Schicksal ist schon oft typisch für das Judentum gewesen. Aber es ist und bleibt schweres Schicksal. Das deutsche Judentum hat hier ein glücklicheres Los. Es durfte langsam wachsend, harmonisch aufnehmend und überwindend seine Renaissance durchleben, die mit Mendelssohn beginnend, jetzt zu Ende gehend, doch nicht so kurz gewesen ist. Hier wird die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums sichtbar. Was in Palästina in der Unauflösbarkeit des Lebensaktes noch undeutbar scheint, kann aus der Erfahrung des deutschen Judentums gedeutet werden. Wir sind älter. In Deutschland, hier im Herzland Europas, ist die neue Zeit im Werden. In diesem tief leidenden Land Europas sind die Träume der Renaissance ausgeträumt, und die besten Köpfe denken schon die Gedanken der neuen Zeit. Gelingt es dem deutschen Judentum, diesen Kulturumbruch, der in seiner Umgebung im Werden ist, zu verstehen, so gehört dem deutschen Judentum die Führung im Gesamtjudentum. Das ist die große Chance des deutschen Judentums. Was vom deutschen Judentum gefordert ist, ist wirklich eine Kulturaufgabe. Es ist nicht so, daß nach dem Kulturzusammenbruch einfach der Ruf zur religiösen Umkehr im kulturverneinenden Sinne als jüdische Parole genügen könnte. Eine jenseits der Kultur lebende Religiosität ist für das Judentum kein Ideal. Gewiß wird in Interimszeiten, in denen eine alte Kultur abstirbt und die neue noch nicht sichtbar ist, darauf hinzuweisen sein, daß das Judentum Ordnungen besitzt, die die Ewigkeit in jeder Zeit widerspiegeln können. Hier ist vor allem die Ordnung, die der jüdische Kalender mit seinem heiligen Rhythmus von Sabbaten und Festtagen stiftet, zu nennen. Aber die Ewigkeit von der geschichtlichen Stunde her zu schauen, bleibt unser Anliegen. Damit sind wir als Juden an den Gang der Weltgeschichte geknüpft, als Juden an den Aufgabenkreis der weltlichen Kultur gewiesen. Als Juden fragen wir nach der Kulturaufgabe der Zeit. Die Kulturaufgabe, die dem deutschen Judentum zufällt, kann nur jene sein, die die Kultur der neuen Zeit betrifft. Die Renaissance ist zu Ende. Erst was zu Ende ist, ist, kann eingeordnet und benamt werden. Das noch nicht Geborene, das erst Werdende, hat noch keinen Namen. Der Name jener Kultur, die auf die Renaissance folgt, ist noch nicht bekannt und kann noch nicht bekannt sein. Gerade, weil wir die Zukunft meistern wollen, enthalten wir uns jeder vorwegnehmenden Aussage über sie. Wovon wir aber sprechen, ist die Wende der Zeit. In dieser Wende leben wir, und wir wissen es. Das ist die Situation des deutschen Judentums. Seine geschichtliche Aufgabe ist es, ehrlich und mutig vom Tod und Zusammenbruch des Alten 203