Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 202 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybaum delt sich nur noch darum, entweder von der Zukunft überrannt zu werden oder sie zu gestalten. Das deutsche Judentum, das diese Zukunft an vorderster Front erfährt, hat die Führung. Europa steht im Zeichen des Endes der Renaissance. Der religiöse Denker Nicolai Berdjajew sagt von dem heutigen Rußland, seine Tragödie bestehe darin, daß es jetzt in extremster Form das Ende der Renaissance erlebe, ohne je die Renaissance selbst erlebt zu haben. Dasselbe kann vom Judentum des modernen Palästina gesagt werden. Es ist erschreckend, wie sehr die Situation die gleiche ist. Europa erlebt das Ende der Renaissance. Die apokalyptischen Reiter dieser Endzeit heißen Nietzsche und Marx. Nietzsche setzt an die Stelle des verlorenen Gottes den Übermenschen, Marx das Kollektiv. Der Mensch hält seine Einsamkeit nicht aus. Der Humanismus vernichtet sich und verneint sich. Für Nietzsche ist der Mensch nur ein Gelächter, eine schmerzliche Scham. Alle Grausamkeit gegen ihn ist erlaubt, denn er soll nur Brücke sein für den großen Einzelnen, für den Übermenschen. Bei Marx wird der Mensch durch die Klasse ersetzt. Auch er will nicht beim Menschen stehen bleiben, gegen den alle Grausamkeit im Namen des sozialistischen Zukunftsstaates gerechtfertigt ist. Marx sucht die „Menschlichkeit" als verlogenen Überbau über ausbeuterischen Klasseninteressen zu seigen. Nietzsche und Marx haben recht einer Ethik gegenüber, die nur Ethik sein will und der religiösen Fundierung entraten zu können glaubt. Diese Ethik, die des von Gott emanzipierten Menschen, ist wirklich einerseits als Philisterium, andrerseits als verschleierte Ausbeuterei zu erweisen. Nietzsche und Marx haben recht in einem humanistischen Zeitalter, in einer Zeit, die bei der Frage: „was ist der Mensch?" beim Menschen stehen bleibt und die Antwort ohne und gegen Gott gibt. Aber das humanistische Zeitalter ist zu Ende, und damit verlieren Nietzsche und Marx ihre Bedeutung. Während dieses Zeitalter aber seine letzten Endphasen schmerzlich durchlebt, und schon die Hoffnung neuer Wiedergeburt an der vordersten Front europäischen Geisteslebens aufdämmert, wird in Palästina eben diese Aera mit jubelnden Fanfaren begrüßt, obwohl dort ihrem Anfang schon alle Zeichen des Endes mitgegeben sind. Während die einen jubelnd den hebräischen „uomo nuovo" begrüßen, sind auch schon die Sozialisten, und — wie dort die Faschisten heißen — die Revisionisten auf dem Plan und verbieten beide den schönseligen Humanismus, wie er dem Bürgertum Europas mit Ausnahme Rußlands geschenkt ward. In wenige Jahrzehnte hineingezwängt durchlebt Palästina, was in Europa Jahrhunderte währte. Wenn Palästina das Ende der Renaissance erlebt, ohne je die Renaissance erlebt zu haben, so kann hier eines hinzugefügt werden: das deutsche Judentum hat eine Renaissance erlebt. Das palästinensische Judentum hat ein Schicksal, das es zwingt, eine 202