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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 201

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums
Date
1934-08-01
Page
201 (sequence 2)
Language
German
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Ignaz Maybaum: Die geschichtliche Aufgabe des deutschen Judentums tieferem Sinne als der, der ihm nur die Wirklichkeit Palästinas, also doch nicht die seines eigenen Lebens, vorhält. Es ist kein Zufall, daß der Zionismus das Wort von der „jüdischen Renaissance" bei uns eingebürgert hat. An und für sich hätte das Wort von einer judischen Restauration doch auch nahe gelegen. Der Zionismus, der gegen das formentleerte und in Abstraktionen erstarrte Judentum des Liberalismus kämpfte, hätte allen Anlaß gehabt, von einer Restauration zu sprechen. Daß er es nicht tat, ist kein Zufall. Er ist ein Zweig desselben Stammes, dem auch der Liberalismus entsprossen ist. Der Zionismus ist wirklich jüdische Renaissance, er ist wirklich im Judentum die geschichtliche Bewegung, die in der Weltgeschichte als Renaissance gekennzeichnet wird. Daß der Zionismus jüdische Renaissance ist, weiß man heute im modernen Judentum. Aber daß die Renaissance eine geschichtliche Bewegung ist, der man heute mit aller Distanz gegenüberstehen kann und muß, beachtet man im modernen Judentum nicht. „Jüdische Renaissance", so frohlockt und jubelt heute die jüdische Generation. Hat niemand die müden, tieftraurigen Augen gesehen, mit denen uns die Menschen anblicken, die die Porträtmaler des Secento dargestellt haben? Diese traurigen Augen, mit denen die Menschen am Ausgang der italienischen Renaissance im 16. Jahrhundert in die Welt blickten, sagen sehr deutlich: wir sind am Ende, und wir haben nicht gesiegt. Die; Renaissance ist eine geschichtliche Bewegung, in der heute bereits sichtbar ist, was zu ihrem Zusammenbruch führen mußte. Die Renaissance hat das humane Schöpfertum in den Mittelpunkt ihrer Welt gestellt und hat übersehen, daß der Mensch nur Echtes schaffen kann, wo er nicht natürliches, sondern geistiges Wesen ist. Wo die Humanität nur Humanität ist, nur Menschlichkeit, und nicht wirkliche jüdische, wirkliche christliche Humanität, mündet sie in Naturalismus. Die Kräfte der Natur sind bald vertan. Es gibt keine ewige Jugend. Die ungeheuren Schöpferleistungen am Anfang der Renaissance waren nur möglich, weil die Substanz des durch mittelalterliche Asketik hochgezüchteten ganzen Menschen noch zur Verfügung stand. Die Renaissance lebte von den mittelalterlichen Reserven. Als die verbraucht sind, kann sie von sich aus nicht weiter. Das Reservoir für das gesamte Westjudentum war lange Zeit das Ostjudentum. Aus ihm erneuerte es sich, wo seine eigenen Wege ausweglos verliefen- Diese Zeit ist vorbei. Das Westjudentum muß sich selber helfen. Auch das Judentum hat kaum mehr mittelalterliche Reserven. Immer mehr schrumpft der Raum im Osten zusammen, der von der Verwestlichung frei bleibt. Wenn amerikanische Juden Beträge zur Errichtung einer Jeschiwah stiften, so entsteht keine Jeschiwah, sondern eine Talmud-„Hochschule". Die Situation der neuen Zeit ist gerade dort um so stärker, wo man nicht bemerkt, daß man auf ihrem Boden steht. Es han- 201

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