Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Raum und Grenze der Diaspora
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 100 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybaum . . . Das Judentum und sonst nichts auf der Welt erhält sich durch Subtraktion, durch Verengung, durch Bildung immer neuer Reste." (Franz Rosenzweig: „Stern der Erlösung", 3. Teil, S. 186.) Der „Rest" kann nicht politisch organisiert werden. Rest zu sein, betrifft die Gnadentatsache der Erwählung. Eine politische Organisation von Erwählten gibt es für uns Juden nicht, obwohl der calvinistischen Welt Versuche nach solcher Richtung am Herzen liegen. Der Rest kann deshalb im Judentum nicht politisch organisiert werden, weil er das ist, was jede politische Organisation überdauern soll. Die politische Organisation ist der Zusammenschluß machtloser Einzelner zur Machtbildung. Unser Schicksal, zu dem wir erwählt sind, heißt: in der Welt ohne Machtbasis existieren. Damit ist die Diasporasituation in ihrem Kern getroffen: ein Mensch ganz allein mit seinem Gott. Ist das möglich? Ist solche Existenz auszuhalten? Wir sagen ja. Seit zweieinhalbtausend Jahren. Der soziologische Raum der jüdischen Erwählung ist das Exil. Exil ist nicht der geographische Begriff, den die Bezeichnung „chuzlaarez" (außerhalb Palästinas) meint. Exil bedeutet Existenz ohne Machtbasis. In diesem Sinn ist das Judentum des heutigen Palästina in derselben Situation wie wir. Das Exil ist unser Schicksal* Die Geschichte des Judentums seit 586 ist die Geschichte seiner Diaspora. Die Geschichte der Diaspora ist immer nur die Geschichte eines Teiles. Unter den Gründen des Verlustes, den das Judentum fortwährend an die Umwelt erleidet, sind solche, die auf eine Schuld hinweisen. Aber es sind auch andere, bei denen von einer Schuld nicht mehr die Rede sein könnte, weil die Prüfung die menschlich mögliche Kraft übersteigt Den Begriff der schuldlosen Schuld, nämlich der tragischen Rechtfertigung, kennt das Judentum trotzdem nicht Wir können von den verlorenen zehn Stämmen, wenn wir die Schuldfrage nicht berühren wollen, nur — schweigen. Die wehmütige Sage höchstens rührt dann an dieses Judenschicksal. Aber eine Rehabilitierung im Tragischen ist uns nicht gestattet Das einzige Wort, das wir haben, wenn der Jude der Diasporasituation erliegt, heißt Schuld: „wegen unserer Sünden." Wo der Mensch der alleinstehend kämpfende Titane ist, verklart sich tragisch seine Niederlage. Der Jude ist der mit Gott ewig verbundene Mensch, und deshalb nennt er sein Bestehen-können Segen und sein Versagen Schuld. „Nur euch habe ich erwählt von allen Geschlechtern der Erde, darum suche ich heim an euch all eure Schuld." (Arnos, 3, 2.) Durch den Abfall — Abfall ist immer Abfall von Gott — verlieren wir in der Diaspora Menschen unserer Gemeinschaft. Das darf durch nichts verhüllt werden. Wohl aber hat im rabbinischen Judentum die vorsorgende Frage, ob ein Land oder eine Stadt jüdischer Existenz Lebensmöglichkeit biete, ihren festen 100