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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 99

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Raum und Grenze der Diaspora
Date
1934-06-01
Page
99 (sequence 1)
Language
German
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Ignaz Maybaum: Raum und Grenze der Diaspora Das Judentum ist, wie jeder echte Glaube, diasporafähig. Diese Fähigkeit, ohne den Besitz der natürlichen Geschlossenheit wirkliche Gemeinschaft sein zu können, ist der Prüfstein, an dem sich die Art der Gemeinschaft erweist. Durch das Diasporaschicksal ist dem Judentum ein Stück Natur genommen; die Diaspora zwingt dem Juden ein geistiges Schicksal auf. Sie verlangt, daß jeder das Judentum, in das er hineingeboren wird, noch einmal aus sich heraus gebäre. Weil in ihr nichts selbstverständlich ist, kann sie naiven Glauben nicht schaffen. Hier heißt es immer: denke und prüfe. Die Umwelt hilft nicht nach, im Gegenteil, sie irritiert durch ihr Anders-sein. So aktualisiert die Diaspora die Idee des allgemeinen Priestertums: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern" (Exod. 19,6). Dieses Gebot betrifft die soziologische Seite des Glaubens. Kennzeichen des Glaubens ist, daß er Gemeinschaft schafft und somit die Vereinzelung aufhebt, die das Schicksal des Glaubenslosen ist. Die Diasporagemeinschaft ist gewaltloser Zusammenschluß. Die Gewalt des Lebens in ihren verschiedenen Formen drängt eher von der Glaubensgemeinschaft fort. Wo trotzdem solche Gemeinschaft in der Diaspora vorhanden ist, wird sie nicht durch die Kraft des Lebens, des Milieus, des Alltags, sondern gerade durch den gegen diese Kraft sich auflehnenden Glauben bewirkt. Priestertum ist Fremdlingschaft der natürlichen Ordnung gegenüber und Menschentum, in dem das Selbstbewußtsein durch das Glaubensbewußtsein geschaffen wird. Zu dem Jüdisch-Sein durch Geburt, durch Gliedschaft in einer Volksgemeinschaft, fügt das Diasporaschicksal das Jüdisch-bleiben allein durch den Glauben, durch Gliedschaft in einer Gemeinschaft, die, eine Volksgemeinschaft, nur als Glaubensgemeinschaft gewahrt werden kann. Das Wachstumsgesetz der Diaspora ist nicht das der in der Natur sich findenden Gemeinschaften. In der Natur heißt wachsen: mehr werden. Im Geist heißt wachsen: tiefer werden. In der Diaspora hat es sich immer um den „Rest" gehandelt, der in dieser ständigen Prüfung, die die Diasporasituation bedeutet, gesiegt hat. Diese Situation muß mit Verlusten rechnen, aber sie schafft ein Ausleseprinzip, das dem jüdischen Menschen auf seiner Weltwanderung mitgegeben ist. Das Judentum baut sich immer von einer Minorität her auf. „Die jüdische Geschichte ist, aller weltlichen Geschichte zum Trotz, Geschichte dieses Rests, von dem immer das Wort des Propheten gilt, daß er ,bleiben wird4 99

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