Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Raum und Grenze der Diaspora
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 101 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Raum und Grenze der Diaspora Platz gehabt. Wo darf ein Jude als Jude nicht wohnen? Hier sei nur die Forderung, die die für den Gottesdienst vorgeschriebene Anzahl von Glaubensgenossen betrifft, genannt, um zu zeigen, daß diese Frage nicht materialistisch-ökonomisch und nicht individualistisch gemeint ist. Auch das moderne Judentum muß sich mit der bisher gar nicht beachteten Frage nach der Grenze der jüdischen Diasporafähigkeit beschäftigen. „An jedem Orte, an dem ich meinen Namen anrufen lasse, will ich zu dir kommen und dich segnen." (Exod. 20, 24.) Das ist eine religiöse Einsicht, die jeder Jude besitzt, aber sie verlangt nach der soziologischen Ergänzung, welcher geschichtliche Raum für jüdische Diaspora Heimstätte sein kann und welcher nicht. Wenn die Gnade Gottes Frieden gewährt, ist Jahrhundertelang die Wanderschaft nur eine weihevolle Erinnerung aus der Zeit der Väter. Oft aber gehören der Glaube und der Wanderstab zusammen. Dann kommt die Stunde, in der der Gott des zweiten Gebotes uns gegenübertritt und fordert, keine Götter zu haben neben ihm. Dann heißt es die schönen Bilder der liebgewordenen Berge und Täler, die vertrauten Klänge der seit Jahrhunderten gesprochenen Sprache und Lieder aus dem Herzen schneiden und Heimat aufgeben. Jeder Raum wird sichtbar durch seine Grenze. Wird der Raum der jüdischen Diaspora deutlich gemacht, so sehen wir auch, wie weit er reicht und wo er sein Ende hat Für die jüdische Diaspora ist die geistige Grundlage des Abendlandes die Voraussetzung ihrer Existenz. Wir sind hier in ähnlicher Situation wie das Christentum. Seit der von Palästina dem Westen sich zuwendende Missionsweg das Reich schuf, in das „Rom" ebenso eingegliedert wurde wie „Jerusalem", wurden Europa und die Christenheit Wechselbegriffe. Im Judentum ist die Offenbarung. Im Christentum verbreitet sich die Offenbarung über die Welt. Deshalb ist das Christentum verbunden — wovon das Judentum geschieden bleibt — mit der Macht. Auch das Christentum darf gewiß direkt genau so wenig wie das Judentum nach der Macht greifen. Aber das Christentum beauftragt die Macht So ruft der Papst nach dem Kaiser und der Reformator nach dem Landesfürsten. Es ist ungerecht und kurzsichtig, von cant — „Christentum und Kattun" — zu sprechen. Die Macht hat in der christlichen Welt einen Auftrag. Weil sie einen Auftrag hat und nicht sich selbst genügt, ist das Radikal-Böse, das Böse, das sie von der Wurzel her ist, in ihr bezwungen. Das Reich der Deutschen, die gloire der Franzosen, die Mission der Engländer, das sacerdotium der Italiener sind Zeichen, daß Europa nicht von „Natur"-Völkern gebildet wird. Ober das Erdreich Europas ist die Bibel gesät worden. Das Reich Gottes, die Gloria, die Mission, das Priestertum sind Glaubensgedanken, die durch die Bibel in die abendländische Politik gebracht wurden. 101