Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Berufsständischer Staatsbau
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 182 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Dienemann Ausgeglichenheil des Empfindens bleiben kann. Ein im Innersten beruhigtes und in aller Arbeit ruhiges Geschlecht — wem würde nicht bei dieser Hoffnung das Herz höher schlagen! Gab einstens die Zunft dem ihr Zugehörigen die Bürgschaft eines befriedeten Lebens, so läge es auch durchaus im Zuge des berufsständischen Aufbaus eine solche Bürgschaft zu geben, insbesondere da ja der Einzelne spüren müßte, daß hier nicht eine anonyme Wirtschaft, ein Kapital oder eine Rente im Mittelpunkt steht, sondern die Sorge um den Menschen und seine Lebensmöglichkeit. Die Menschen sind des übersteigerten Individualismus müde geworden, die Meisten können es nicht mehr ertragen, nur Individuum zu sein. Nun aber kommt alles darauf an, daß der Pendel nicht allzu sehr nach der anderen Seite ausschlägt, der Mensch würde es auch nicht allzu lange aushalten, nur Glied eines Kollektivum zu sein., nur Sandkorn in der Masse. Gefahr ist immer da, wenn an die Stelle des Bewußtseins der individuellen Existenz nur das Bewußtsein einer Gemeinschaftszugehörigkeit träte, die ein Gegebenes ist, in das man ohne sein Zutun durch Geburt oder durch irgendein anderes Zwingendes hineingestellt ist. Dann kann auch einmal das doch immer wieder aufkeimende Persönlichkeitsbewußtsein dagegen aufbegehren. Mit der Eingliederung des Einzelnen in seinen Berufsstand aber wird er in eine Gemeinschaft, in eine Gruppe hineingestellt, in der er sich Geltung und Wirkung nur durch seine Leistung erringen kann., eine Leistung, die nie ein Abgeschlossenes, Fertiges ist, sondern sich in Beginn und Ablauf immer wieder täglich erneut; es wird so dem Gruppengedanken ein Persönliches als Gegengewicht zugesellt. In dem Ringen um den Ausgleich gebundenen Denkens und des Persönlichkeitsbewußtseins, um den Ausgleich von Individualismus und Sozialismus ersteht hier ein neuer Versuch, ein neues hoffnungsvolles und zukunftsträchtiges Bemühen. Die neue berufsständische Ordnung kann ein wesentliches Glied in der Wiederherstellung des konfessionellen Friedens sein. Alle religiös Interessierten haben in dem ganzen Ablauf des letzten Jahrzehnts immer gegen die rationalisierende, vom Menschen und seinem Lebensrecht absehende Art gekämpft, die abstrakte Wirtschaft mit ihrem angemaßten Eigenrecht in den Vordergrund zu stellen. Die Forderung des Judentums ging stets in dieser Richtung. Auch in den Zeiten des stärksten Wirtschaflsliberalismus und des entfesselten Klassenkampfes haben seine geistigen Führer nie zu sagen aufgehört, daß nach dec jüdischen Wirtschaftslehre und den Gesetzesbestimmungen aus der Zeit schöp- 182