Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Berufsständischer Staatsbau
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 179 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Dienemann: Berufsständischer Staatsbau aber diese Gruppen waren nicht die einzigen. Ihr Vorhandensein bewirkte zwar einen Ausgleich der Interessen zwischen den Meistern und den in Lohn Siehenden und zwischen den Meistern unter sich, bewirkte ferner die schiedliche Abgrenzung der Produktionsgebiete, daß nicht ein Beruf von seinem Grenzgebiet her in die Grenzgebiete eines anderen Berufes übergreife, aber sie stellten durchaus nicht eine einheitliche Volksgemeinschaft dar. Es kreuzten sich die Ständebildungen und lagerten sich über die Berufsslände und zwischen sie. Es gab neben ihnen noch: bald den Adel und den Bürger, bald den Bauer und den Ritter, den Fürsten und den Untertan, den hohen Adel und den niederen, die Geistlichkeit und den Gelehrten. Und sie alle vertraten-verschieden geartete Interessen. Der Berufsstand heutiger Neuordnung kennt keinerlei andere Gruppierung des Volkes und will sie nicht kennen, und er stellt so in einem bisher nicht gekannten Maße die Einheit des Volksganzen dar. Die Zunft der früheren Jahrhunderte war nicht als Zelle des politischen Aufbaus gedacht; sie war nur vom Wirtschaftlichen her begründet, sie war als Ordnung von Menschen, die einem bestimmten Schutzheiligen sich unterstellten, in das kirchliche Leben eingegliedert und Teil von ihm, aber sie war nicht als solche zum politischen Handeln bestimmt. Es kam allerdings im Laufe der Geschichte dahin, daß sie Träger oder Instrument der Politik wurde. In der Enge der Städte stritten sich die Zünfte nach dem Grade ihrer Vornehmheit untereinander um die Herrschaft über die Stadl. In der Zeit der erwachenden und erstarkenden Fürsten macht hatten die Fürsten ein erhebliches Interesse, ihre Macht über die der Zünfte zu setzen und darum die Zünfte zu zerschlagen, hatten sie, weil sie aus dem Handel größeren Stcuergewinn für ihre Kammer zogen, den Willen, dem Handel Vorschub zu leisten. Weil aber Handel und Zunft Gegensätze waren, die Zunft mit ihrer Begrenzung in Produktion und Preis dem Handel feind war, der frei und ohne Schranken sein wollte, war der Fürst der Bundesgenosse des Handels gegen die Zunft, und zwischen ihm und den Zünften ging der politische Kampf, in dem die Fürstengewait schließlich Sieger blieb. Das aber war der Ausdruck der Tatsache, daß längst kein Bewußtsein der Volkseinheit mehr bestand, daß sich die Ordnung der Gesellschaft bereits in Wirtschaftskämpfe aufgelöst hatte; jene Kämpfe waren eben Kämpfe der verschiedenen Wirtschaftsgruppen, Klassenkämpfe, wie nur irgendein Klassenkampf der letzten Jahrzehnte, nur daß sich die Klassenbildung auf einer anderen Grundlage und einer anderen Voraussetzung erhob. Der Berufsstand heutiger Ordnung aber ist, obgleich er vom Wirtschaft- 179