Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Der Rabbiner
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 93 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Dienemann: Der Rabbiner sie ermahnen und ihnen einen Weg weisen, das eben ist Seelsorge. Er hat bei einer Beerdigung keinen Akt priesterlicher oder sakramentaler Weihe vorzunehmen, er ist nur Trostspender, Aufrichtung der Trauernden ist sein Amt, das ist wiederum Seelsorge. Er hat, wenn er zu dem Dreizehnjährigen, dem Barmizwah, spricht, der in die Gemeinde eintritt, keine Konfirmation als Geistlicher zu vollziehen, sondern diesen Knaben auf sein Leben in und mit der Gemeinde vorzubereiten und hinzuweisen; Seelsorge ist so das Augenfälligste seiner Aufgabe. Der Rabbiner als Lehrer Ursprung der Lehrtätigkeit des Rabbiners ist seine Aufgabe, die Bibel zu deuten und sie in die Seelen einzupflanzen. Demgemäß war es Jahrhunderte hindurch sein Amt, alle Lernbegierigen in die Quellen einzuführen. Das was wir heute systematischen Religionsunterricht nennen, kannte das Judentum früherer Jahrhunderte nicht Die Menschen lebten in der religiösen Praxis, sie erlebten sie, das Haus leitete zu ihr an, die Umgebung, in der man sich bewegte, war jüdisch bestimmt. Die Kenntnis der Quellen war in gewissem Grade, zumindest soweit die allsabbathiiche Thoravorlesung mit der Bibel und ausgewählten Prophetenabschnitten vertraut machte, Gemeingut So bedurfte es des systematischen Unterrichts nicht. In die Quellen führte der Rabbiner früherer Zeiten ein, indem er in seiner Eigenschaft als Rabbiner Leiter eines Lehrhauses war, Jeschiwah genannt, und es gab kaum eine Gemeinde, die nicht ein solches hatte. AU und Jung lernte Iiier den Talmud und die zu ihm ge-; hörenden Schriften kennen. Das deutsche Judentum von heute hat nur noch ganz vereinzelt solche Lehrhäuser. Die Lehrtätigkeit des Rabbiners hat sich ganz und gar nach der Richtung des systematischen Religionsunterrichtes verschoben, der teils an den öffentlichen Schulen innerhalb ihres Lehrplanes, teils in eigenen Rcligionsschulcn der Gemeinden erteilt wird. Wo geeignete Lehrkräfte neben dem Rabbiner vorhanden sind, beschränkt der Rabbiner sich zumeist auf den Unterricht in den höheren Klassen und die Leitung. Der Rabbiner als Lehrer — Unterricht und Kanzelrede gehören hier zusammen — kann sich nicht darauf beschränken, nur einfach den Lehrgehalt des Judentums darzustellen und zu erläutern. Er darf nie vergessen, daß er in die ganze Problematik der Zeit hineingestellt ist, daß neben der religiösen Lehre in ihrem Wort und Sinn eine unendliche Vielfalt von Ideen die Welt 93