Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Der Rabbiner
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 94 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stellung des Geistlichen in der Gemeinde erfüllt und um die Seelen der Menschen ringt. Er muß darum wissen, wie Judentum und Zeitidee sich gegenseitig durchdringen, er muß zeigen, wie Judentum sich in allem Wandel der Zeilideale in seiner Selbständigkeit erhält, wie es die Zeit an seinem Ewigen mißt und beurteilt. Aus dieser Erkenntnis von dem Bei- und Nebeneinander selbständiger Beurteilung der Zeit von der Idee des Judentums her und ihrer gegenseitigen Durchdringung erwächst ihm das Ziel seiner Lehrtätigkeit: Menschen zu erziehen, die in einem einheitlichen Lebensgefühl als Juden mitten im Leben der Zeit stehen, in allem Wandel des Denkens und der Lebensform den Weg in die Zukunft ohne Bruch mit der Vergangenheit finden. Der Rabbiner als Forsdier Aber in dem Maße, in dem der Rabbiner der traditionellen Aufgabe der Leitung eines Lehrhauses entfremdet worden ist, wuchs ihm eine andere Aufgabe zu, die an sich nicht in der Natur des Amtes liegt, zu der er aber durch den Eintritt der Juden in die Welt europäischer Kultur hingeführt wurde, die wissenschaftliche Erforschung des Judentums. Es war bereits ausgeführt, daß der Staat das Judentum in seiner Lehre und Geschichte nicht Li die Universitäten einbezogen hat. Von ihm war auf den Universitäten nur insoweit die Rede, als irgend ein Problem der alt- oder neuteslamentlichen Forschung und der Geschichte mit ihm zusammenhing, also immer nur als von einem Behelf zu Forschungen auf einem anderen Gebiete. Aber als Forschungsgegenstand eigenen Rechtes, als ein Bestandteil heutiger lebendiger Kultur war von ihm nie die Rede. Hier nun erwuchs den Rabbinern der Gegenwart eine neuzcilige, schöne Aufgabe. Neben den wenigen Dozenten der wenigen theologischen Hochschulen übernahmen Viele von ihnen die Aufgabe der wissenscbaftlichen Erforschung des Judentums. Eine schier unübersehbare Fülle der Aufgabe ist da zu erfüllen. Um nur einiges anzudeuten: die ganze Tiefe und Breite der jüdischen Geschichte in ihrer Verknüpfung mit den wechselnden Kulturen der Welt war zu erschließen, der jüdische Kult in seinem ganzen Ablauf ist zu erforschen, der Lchrgehalt des Judentums ist darzustellen; zu schildern ist, wie sich das Judentum in allen Phasen, die es durchlebte, selbst auffaßte, wie die Auseinandersetzung mit den Zcilgedanken sich vollzog, die Auseinandersetzung mit den heutigen Zeitgedanken vom Sinn der jüdischen Lehre aus ist vorzunehmen, das Wesentliche und Ewige ist vom Zeitlichen und minder Bedeutsamen zu sondern, die weitschichtige Literatur des Judentums 94