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Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 91

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Der Rabbiner
Date
1933-06-01
Page
91 (sequence 7)
Language
German
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Max Dienemann: Der Rabbiner Kanzel steht, gleich in welchem Gotteshause, bewegt wird, die Frage: kann man Gottes Wort anders künden als wie man es selbst versteht? Wie erreicht man es, daß man nicht sein eigenes Denken anstatt des ewigen Wortes predigt? Wie erreicht man es, daß nicht ein Starres, Ruhendes, Seiendes gleichsam aus der Ferne zu sprechen anhebt, sondern das Nahe, Lebendige, Werdende, von dem aber immer nur die menschliche Persönlichkeit Zeugnis ablegen kann? Soll der Rabbiner sich predigen? Wo ist dann die Bürgschaft, daß er nicht sich an die Stelle der Offenbarung setzt? Soll er nicht von sich zeugen, wie soll er es dann glaubhaft machen, daß er von Gott angeredet ist und Gefäß einer Verkündung ist, und wie zugleich verhüten, daß nicht als Wort Gottes erklingt, was Gott nicht geredet hat und was er nicht zu den Menschen dieser Tage redet? Es ist im letzten Grunde die Frage nach der Offenbarung, die hier durchschimmert. In einem doppelten Sinne. Ob Offenbarung ein einmaliger Akt ist oder ein ununterbrochen Fließendes? Ob das Wort der Bibel das Wort der Offenbarung ist oder ob ihr Geist, ihr innerer Sinn Spiegel der Offenbarung ist? Ob, und das ist das zusätzliche jüdische Problem, alle in der mündlichen Lehre niedergelegte Entwicklung in den Bereich der göttlichen Offenbarung einbezogen ist, und wenn ja, bis zu welcher Grenze? In alle diese Fragen ist der Rabbiner hineingestellt. Seine Tätigkeit als Prediger ist darum nicht nur von der artistischen Form und der Ästhetik seiner Rede, von der zündenden Kraft seines Wortes, auch nicht von der philosophischen Klarheit des Gedankenbaus bestimmt, sondern davon wie er mit dieser Grundfrage fertig wird. Und es gibt dafür kein ein für allemal gültiges Rezept, keine fertige Antwort, der Rabbiner stellt hier in einem steten inneren Kampf, einer ständigen Gespanntheit der Seele, die .so ganz und gar »ein eigenes Schicksal ist, daß die Gemeinde nicht einmal ahnen darf, wie sehr er um die Sicherheit seines Wortes ringt. Der Rabbiner als Seelsorger ■Neben das Predigtamt tritt die Seelsorge. Es ist müßig, Untersuchungen darüber anzustellen, ob das Judentum eine Seelsorge im Sinne der christlichen Bedeutung des Wortes kennt. Im Mittelpunkt der jüdischen Seelsorge steht auch nicht die Sorge für das Heil der Seele in einer theologischen Färbung dieses Wortes, sondern die Sorge für den jüdischen Menschen in allen Bezirken seines Lebens. Man muß dabei von der Überzeugung ausgehen, daß Seelisches und Leibliches in. einer unauflöslichen Verbindung stehen, daß 91

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