Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Der Rabbiner
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 90 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stellung des Geistlichen in der Gemeinde sonderung von der lebendigen deutschen Sprache in ihrem steten Wandel, die Predigt in der Synagoge änderte ihre Sprachform, änderte sich ferner nach der Richtung, daß sie zugleich auch Deutung des Religionsgesetzes und talmudische Erörterung wurde. Die Wicdereinfüb -ung in den deutschen Kulturkreis ließ die Predigt als Element deutscher Sprachlichkeit und jüdischer Religiosität, wie sie innerhalb deutscher Kultur erfaßt und verstanden sein will, neu erstehen. Dabei — und das zu wissen ist notwendig — ist der Rabbiner von heule in den "Widerspruch hineingestellt, daß die Predigt im jüdischen Gottesdienst nicht die Mittelpunktstellung hat, die sie beispielsweise im evangelischen Gottesdienst einnimmt — das Gebet der Gemeinde und des Einzelnen und neben ihm die Thoravorlesung ist das Verpflichtende — daß aber den Vielen, die dem hebräischen Gcmeindegebel entfremdet sind, in ihrem Bewußtsein die Predigt zum Wichligeren, wenn nicht zum einzig Wichtigen geworden ist. Das Ziel der Predigt in der S\nagoge ist die Darstellung und Erweckung der jüdischen Religiosität in ihrer Eigenart und ihrem Eigenwuchs, die Belehrung über die Forderung des Judentums an seine Bekenner, die Erzeugung einer Einheil der jüdischen Lebensführung in allen Bezirken der Betätigung, Darlegung des Wesens und des Sinns des Judentums, Darlegung der Aufgabe und Sendung der Juden innerhalb der Welt, Erzeugung des Willens, an dieser Aufgabe teilzuhaben und an ihrer Verwirklichung mitzuarbeiten. Schon von dieser Zielrichtung aus sind bei aller Parallelität und neben der gemeinsamen Aufgabe aller Bekenntnisse Unterschiede der jüdischen Predigt gegenüber der christlichen gegeben: unterschiedlich ist auch in anderer Hinsicht die jüdische Predigt, sie kann nicht, wie die christliche, den Akt der Erlösung des Einzelnen, die einzigartige Person eines Heilands in den Mittelpunkt stellen, sie wird immer wieder die jüdische Art der Erfassung des einzigen Gottes, die Mitarbeit des Menschen am Bau des Gottesreiches, den Zusammenhang der jüdischen Feste mit der jüdischen Geschichte in den Vordergrund rücken und von hier aus die persönliche Religiosität und die sittliche Aktivität des Menschen anfachen. Der Rabbiner ist so als Prediger nicht nur Trösler und Bußredner, er ist in einem besonderen Maße auch auf der Kanzel Lehrer, der das Wort der Thora in der Art, wie jüdische Tradition es erfaßt und lebendig gemacht hat, weiterzugeben hat. Aber indem er das Wort der Thora zu künden hat und von ilim Zeugnis ablegt, tritt die eine große Frage an ihn heran, von der jeder, der auf einer 90