Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Naturwissenschaft und Wunder
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 104 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Carlebach „geirrt" hätte, aber ebensowenig, würde die Rettung das Naturgesetz aus den Angeln lieben. Die ärztliche Prognose kann immer nur nach der höchsten Wahrscheinlichkeit urteilen, wie sie nach unzähligen Erfahrungen im allgemeinen eingetreten ist und eintreten wird. Der religiöse Mensch soll sein Leben und sein Tun willig in die Alltäglichkeit,, in das erfahrungsgemäß für alle Geltende einreihen, soll nicht auf ein Wunder bauen, denn er würde damit sagen, daß die sittliche Aufgabe des Menschen nur ausnahmsweise lösbar sei und Gott dem Menschen nicht Kräfte genug gegeben, um allen sich darbietenden Lagen des Lebens gerecht zu werden. Aber daß die Tatsache von der kausalen Verknüpfung der Dinge im Kosmos der Vorsehung keineswegs die Hände bindet, diese Überzeugung werden wir gegen die Philosophie des Athenäums von einst und jetzt immer in uns aufrechterhalten. Ein gläubiger Physiker (Prof. Friedr. Dessauer-Frankfurt a. M.) hat aus den Erfahrungen des Naturgesetzes selber die Möglichkeit einer vorsehenden Waltung Gottes begründet. Denn wenn auch die Natur von dem Gesetz der Erhaltung der Energie, dem Kausalgesetz, dem sogenannten „ersten Hauptsatz der Energetik ' absolut beherrscht ist, so ist dennoch mit diesem Gesetz das Geschehen in der Natur noch nicht eindeutig bestimmt. Es gibt noch ein zweites allbeherrschendes Naturgesetz, den Satz von der Entropie, den zweiten Hauptsatz der Energetik, der sagt, daß zwischen zwei möglichen Naturereignissen immer ein ganz bestimmtes eintritt. So wird z. B. die Erde von der Sonne bestrahlt, die Sonne verliert an Strahlungsenergie, und die Erde erwärmt sich. Aber nach dem Kausalgesetz wäre auch der entgegengesetzte Vorgang denkbar, daß die Erde ihrerseits Wärme an die Sonne abgibt und sich dafür noch weiter abkühlt. Aber das tritt nicht ein, sondern von den beiden Möglichkeiten befolgt die Natur immer nur die eine, daß Wärme vom Körper höherer Temperatur zu dem niederer übergeht. Von den beiden möglichen Naturvorgängen erhält also ein bestimmter den Vorzug. Allgemein gesprochen: die Naturprozesse, für die mehrerlei Möglichkeiten vorhanden sind, nehmen alle eine bestimmte Richtung. Über das Kausalgesetz lagert sich also noch ein zweites, übergreifendes, das eine „Vorliebe" für eine bestimmte Entwicklung des Naturganzen vorschreibt. Genau so aber wie das erste Gesetz der Energetik noch nicht den gesamten Weltablauf regelt unct wie noch neue Gesetze hinzutreten können, ohne das erste in seiner Geltung zu beeinflussen, so kann sich auch eine ethische Ordnung der Naturordnung überlagern in dem Sinne, daß alle Ereignisse des t04